Doppelbelastung
Wirtschaft ringt um Steuerprivilegien am Golf

Steuerfreiheit war einmal. Die rund 800 deutschen Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden voraussichtlich ab Januar 2009 vom Fiskus zur Kasse gebeten. Ein Wettbewerbsnachteil, sagen die Unternehmen. Vor allem Führungskräfte seien unter diesen Bedingungen nur schwer anzuwerben.

DUBAI. Die deutschen Unternehmen am Persischen Golf befürchten, dass ihnen eines der letzten Steuerprivilegien abhanden kommt. Denn Vertreter der Bundesregierung und der Vereinigten Arabischen Emirate haben sich nicht über ein neues Doppelbesteuerungsabkommen einigen können. Nun müssen Firmen damit rechnen, ab Januar 2009 vom Fiskus zur Kasse gebeten zu werden.

Das jetzige Doppelbesteuerungsabkommen, das deutschen Betrieben in den Emiraten weitgehend Steuerfreiheit zusichert, läuft bis zum 31. Dezember. Im Bundesfinanzministerium gilt die Chance auf eine neue Absprache intern als „unwahrscheinlich“. Bleibt es dabei, kommt es bei etlichen der rund 800 in dem Golfstaat registrierten deutschen Unternehmen zu erheblichen Einschnitten.

„Das wäre ein klarer Wettbewerbsnachteil gegenüber Ländern mit einem Doppelbesteuerungsabkommen wie Großbritannien, Österreich oder Holland“, warnt Peter Göpfrich, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Dubai. Unselbstständige Zweigniederlassungen („branch offices“) müssten ab Januar Körperschaftsteuer auf ihre vor Ort erwirtschafteten Profite zahlen. Auch bei der Überweisung der Gewinne an die Muttergesellschaft in Deutschland würde das Finanzamt zulangen. Hier galt bislang „brutto für netto“. Die Emirate selbst erheben weder Unternehmen- noch Einkommensteuern.

Selbstständige Kapitalgesellschaften haben hingegen auch ohne Doppelbesteuerungsabkommen kaum Nachteile. Die Profite, die in der Region reinvestiert werden, sind steuerfrei. Die Gewinn-Transfers nach Deutschland zapft der Fiskus nur minimal an – vorausgesetzt, die Firma ist mit weniger als 50 Prozent an der lokalen Kapitalgesellschaft beteiligt. Lediglich fünf Prozent der an die Mutter überwiesenen Dividende wird zur Körperschaftsteuer herangezogen. Die effektive Belastung beträgt 0,75 Prozent.

Unternehmen mit Angestellten aus Deutschland müssen sich zudem auf erhöhte Gehaltsforderungen einstellen. Für Arbeitnehmer, deren Partner in Deutschland leben oder die eine Wohnung in der Heimat haben, wird ohne ein neues Abkommen Einkommensteuer fällig. Da dies auf viele hochqualifizierte Führungskräfte zutrifft, wird die Rekrutierung zum Problem. „Dann wäre unsere Wettbewerbsfähigkeit eingeschränkt“, sagt Joachim Kundt, Siemens-Chef für die Untere Golfregion. „Es bliebe uns nichts anderes übrig, als einige Mitarbeiter nach Hause zu schicken.“ Viele Firmen stöhnen bereits heute über die explodierenden Mieten, die sich nicht selten zwischen 3 000 und 4 000 Euro pro Monat bewegen, sowie hohe Personalausgaben für Schulgeld und Mitarbeiter-Boni. Manch einer hegt sogar Abwanderungsgedanken. „Angesichts zweistelliger Inflationsraten und jährlicher Gehaltssteigerungen von durchschnittlich rund 13 Prozent ist für uns ein Umzug in günstigere Golfstaaten durchaus denkbar“, betont Alexander Burger, General Manager Middle East des Medizinprodukte-Herstellers Hartmann.

Wirtschaftsvertreter wehren sich allerdings gegen Panikmache. „Deutsche Unternehmen sind nicht am Golf, um Steuern zu sparen, sondern, weil sie von einem Wachstumsmarkt profitieren wollen“, sagt Stephan Rosenthal, Vorsitzender des Deutschen Wirtschaftskreises in Dubai. Anwälte empfehlen aber bereits heute, über Varianten der Steuer-Minimierung ab Januar 2009 nachzudenken.

„Eine legale Möglichkeit ist es, Firmenkonstruktionen über Länder abzuwickeln, die ein Doppelbesteuerungsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten unterhalten“, rät Jörg Seifert von der Kanzlei Al Sharif in Dubai. Im Klartext: etwa über die Gründung einer Tochter im Niedrigsteuerland Österreich, über das der Geschäftsverkehr mit dem Golf läuft.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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