Draghi vs. Berlusconi „Italien ist ein signifikantes Risiko für die Euro-Zone“

Die Italien-Krise alarmiert die EZB - nicht zuletzt wegen Berlusconis lascher Reformpolitik. Jetzt kündigt der künftige Zentralbank-Chef Mario Draghi Gegenmaßnahmen an.
Update: 27.10.2011 - 00:29 Uhr 23 Kommentare
Mario Draghi. Quelle: dpa

Mario Draghi.

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Rom/DüsseldorfDer künftige EZB-Präsident Mario Draghi hat die Bereitschaft der Notenbank signalisiert, das Finanzsystem weiterhin mit unkonventionellen Maßnahmen zu stützen. Die EZB sei entschlossen, solche Mittel zu nutzen, um eine Störung der Märkte zu verhindern und sicherzustellen, dass ihre geldpolitischen Impulse in der Wirtschaft ankämen, sagte Draghi am Mittwoch laut Redetext in Rom wenige Stunden vor Beginn des zweiten Euro-Krisengipfels innerhalb weniger Tage in Brüssel.

Mit einem dramatischen Appell rief derweil Bundeskanzlerin Angela Merkel den Bundestag auf, Verantwortung bei der Rettung des Euro zu übernehmen. Europa stehe in der schwierigsten Situation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sagte Merkel in einer Regierungserklärung vor dem EU- und Eurozonen-Gipfel. „Scheitert der Euro, scheitert Europa“, sagte Merkel. Es sei keineswegs selbstverständlich, dass es in Europa weitere 60 Jahren Frieden geben werde. Angesichts dieser Lage stünden auch die anderen europäischen Länder, die G20-Staaten und die Banken in der Pflicht, die Euro-Zone zu stabilisieren, betonte die Kanzlerin.

Draghi nahm Bezug auf die Lage in seinem Heimatland Italien und auf die anhaltenden internationalen Unsicherheiten, die er zusammen als „dramatisch“ beschrieb. Er sehe deshalb auch ein „signifikantes Risiko“ einer deutlichen Konjunkturabkühlung in der Euro-Zone, sagte der Chef der italienischen Notenbank. Insbesondere Italien müsse seine Hausaufgaben machen, um die Krise beizulegen. In einem Brief an ihre EU-Partner habe die Regierung in Rom ihre Reformideen dargelegt. „Es ist an der Zeit, das schnell und konkret in die Tat umzusetzen“, mahnte Draghi. Die Banken Italiens seien mit kurzfristigen Liquiditätsspannungen konfrontiert, fügte er hinzu.

Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker erhöhte noch einmal den Druck auf Italien. Regierungschef Silvio Berlusconi habe keine Wahl, als am Abend „erhebliche Konsolidierungsbemühungen“ vorzulegen, sagte Juncker. „Das ist ein Muss“.

Italien bekommt derweil die Schuldenkrise bei der Aufnahme von Krediten am Finanzmarkt immer deutlicher zu spüren. Das Land musste am Mittwoch für sechsmonatige Kredite mit 3,5 Prozent so hohe Zinsen zahlen wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. Für zweijährige Schuldpapiere verlangten die verunsicherten Anleger sogar eine Rendite von 4,6 Prozent. Insgesamt konnte sich das hochverschuldete Land jedoch mit den Emissionen wie geplant gut zehn Milliarden Euro beschaffen.

Auch der Wirtschaftssektor leidet. Die Stimmung der italienischen Unternehmer ist so getrübt wie zuletzt Anfang vorigen Jahres. Der saisonbereinigte Index für Oktober fiel auf 94,0 Zähler von revidiert 94,5 Punkten im Vormonat, teilte das nationale Statistikamt Istat mit. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit 93,8 Zählern gerechnet.

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23 Kommentare zu "Draghi vs. Berlusconi: „Italien ist ein signifikantes Risiko für die Euro-Zone“"

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  • @ mari,
    Man kann nicht sparen wo es nicht zu sparen gibt.
    Lassen Sie sich nicht von den deutschen Medien beeinflussen, erst wirklich vergleichen, dann mitreden.
    Viele wissen nicht dass es in Italien gar kein Hartz IV oder ähnliches gibt. Wollen Sie das noch kürzen, wie denn wenn es a gar nicht gibt? Bei 30% Jugendarbeitslosigkeit scheint mir sinnvoll dass die Ältere schon mit 65 Jahren auf Rente gehen und nicht mit 67 wie von Deutschland gewollt.
    Die Eurozone war noch nicht vollendet als Gorbi die Ostblockländer frei gab. Daher dieses Durcheinander wo nicht nirgendwo passt. Weil von einer politische Union sind wir zu einer Art Exportzone für deutsche Produkte gewandelt. Das macht aber keinen Sinn für die andere Euroländer.

  • This ist in deed the problem:
    Italiens Gesamtverschuldung: 1.761 Milliarden
    Deutschlands Gesamtverschuldung: 1.762 Milliarden
    Italien 115 Milliarden Euro Zinsen pro Jahr
    aus Focus: Bundeshaushalt 2014 drohen 50 Milliarden Euro Zinsen.

  • @ Purtroppovero, Italiano
    Bei diesem aktuellen Zinssatz muss Italien demnächst 115 Milliarden Euro pro Jahr nur an Zinsen zahlen. Das ist die Hälfte der jährlichen Steuereinnahmen des Bundes. Die Sparmaßnahmen werden dadurch zunichte gemacht. Am Gegenteil, die Wirtschaft wird dadurch gewürgt, dadurch sinken die Steuereinnahmen und die Zahlunfähigkeit Italiens sinkt.
    Einzige Abhilfe, wie Argentinien vor nicht all zulange, eine Zwangsverlängerung der laufenden Staatsanleihen mit einer an der Inflation indexierte Verzinsung. Auch wenn das als ein Default eingestuft wird. Es hat für Argentinien sehr gut funktioniert, es wird für Italien auch, sogar besser noch funktionieren. Da die Anleihen nach einer gewisser Erholungsphase zu 100% zurückgezahlt werden, hätten die Gläubiger nur geringe Verluste (entgangene höhere Zinsen) was ich für zumutbar halte. Sie haben an Italien genug verdient.

  • @ Italiano, Die Hoffnung stirbt zuletzt
    Dass auch Italien, angesichts einer Schuldenstandquote von 120 %, einen Anteil von 15 % seiner Staatsausgaben für Zinszahlungen aufwenden muss, überrascht kaum. Dennoch unterscheidet es sich mit einem weniger dramatischem Finanzierungs- (-5,3 % des BIP) und Primärsaldo (-0,5 % des BIP) deutlich von Griechenland und liegt sogar unter den jeweiligen EWU-Durchschnitten von -6,4 % bzw. -3,4 %. Dies erklärt sich aus dem nahezu ausgeglichenen Haushalt Italiens zu Beginn der Finanzkrise.
    Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit müsste von Brüssel angegangen werden, nicht nur Italien aber auch Spanien und Portugal verlieren Jahr für Jahr fähige Arbeitskräfte. Diese Entwicklung muss unbedingt gestoppt werden. Dass in Deutschland zeitgleich ein Fachkräftemangel herrscht zeugt von einer schlechten Arbeitsteilung innerhalb der Eurozone. Leider ist es so dass Initiative in diese Richtung systematisch von Deutschland und Frankreich gehindert werden.
    Der alte Fluch des Nationalismus wirkt immer noch!

  • Von allen Euroländer hat Italien wahrscheinlich den größten Nachteil durch den Euro gehabt, die Hoffnung auf niedrige Zinsen war eine Fata Morgana, inzwischen sind die langjährige Zinsen auf italienische Staatsanleihen fast auf dem gleichen Niveau wie zur Zeit der Lira.
    Nur Abwerten, um wieder Wettbewerbsfähig zu werden, kann Italien jetzt nicht mehr. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 30% bis 40% wandern jeden Monat Tausende von gut ausgebildete Junge Italiener aus, nach ferne Kontinente, wie zur Nachkriegszeit. Das hat uns der Euro gebracht. Bei den hohen Zinsen die Italien auf Staatsanleihen zahlen muss wird der Schuldenberg kaum abgebaut werden können. Schon jetzt verschlingt die Zinszahlung 15% des Haushalts. Am Ende wird ein Austritt aus der Eurozone doch unvermeidbar. Dafür müssten aber zuerst die Verträge geändert werden, damit ein Austritt aus dem Euro, ohne aus der EU austreten zu müssen, erlaubt wird. Besser wäre es damals gewesen wenn Italien, wie Groß-Britannien, den Euro nicht eingeführt hätte.

  • Wann ist wohl mit der Aufstockung der EFSF auf 2 Billionen zu rechnen? Möglicherweise nimmt das Unheil erst jetzt richtig Fahrt auf.

  • Ist es nicht lustig,

    dass Italien als "Sparmassnahme" einführt:

    "Kündigungen von Mitarbeitern"

    können jetzt auch aus wirtschaftlichen Gründen erfolgen.


  • Dieses Kriegsgerede der Frau Bundeskanzler ist lächerlich!
    Ebenso, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert.
    Europa hat unsere Regierung doch kaum interessiert, nach Brüssel kam wer weg sollte, auf Ämter für deutsche wurde kaum Wert gelegt,, daher ist Deutschland überall unterrepräsentiert. Die Wahl des Herrn von Rompoy und von Lady Ashton bedarf keiner Interpretation. Und nahezu 10 Jahre hat Brüssel nichts bemerkt was lief, wie schulden gemacht wurden !
    Hat Herr Junker Bienen losgelassen oder woher kommt die plötzliche Nervosität und Stimmungsmache aus einem Volk dessen Aussterben unumkehrbar ist, das plötzlich an Überheblichkeit leidet und Vollmitglied in der UN beansprucht und mit einem lahmen Europa gegen China ,Indien ,Brasilien antreten will? Das passt gar nicht zusammen mit der Art wie wir akzeptieren,dass uns GR auf der Nase herum tanzt!Man müßte mal auf dem richtigen Bein " Hurrah "rufen.

  • Das ist die große Gefahr, Herr Draghi als Italiener EZB-Präsident mit einer großen Mehrheit der PIIGS hinter sich. D.h. die EZB wird verstärkt Geld drucken.

    Noch viel mehr nervt, dass weder Frankreich noch Italien Reformen angehen, keine Sparmaßnahmen. Die verlassen sich doch nur auf EFSF und EZB, und ansonsten weiter so.

    Es müssen sämtliche Hilfsmaßnahmen an strikte Bedingungen geknöpft werden. Die PIIGS müssen ärmer werden, d.h. die Löhne und Renten müssen dort sinken; nur so könenn sie wettbewerbsfähig werden.

    Max Otte predigt ja immer die unterschiedlichen Währungen, die notfalls abgewertet werden, um so wieder wettbewerbsfähig zu werden. Ich denke aber, dass das mit dem Euro genauso geht. Man muss ja nur mal in dei Slowakei gehen. Klar, die Leute verdienen viel weniger Euros, aber dadurch sind sie wettbewerbsfähig, UND sie können auch leben. Zweites Beispiel sind wir selbst. In Deutschland wurden die Löhne nur moderart angehoben, wodurch wettbewerbsfähigkeit entstanden ist.

    Es liegt einfach in der Hand der Länder selbst!!! ES kann nicht sein, dass ein griechischer Busfahrer zwischen 30.000 und 40.000 Euro nette einstreicht; das bekommt in DE nicht einmal ein Ingenieur, ja sogar nicht einmal ein Bnankster!!! Das muss man sich mal vorstellen.

    Ich will nicht in einer Transferunion leben. Es gibt ja jetzt schon Stimmen, die das wollen. Aber ehrlich: Ich will in DE nicht bei frostigen und trüben Wetter schuften, damit man sich im Süden ans Meer setzen kann. DAnn möchte ich Ausgleichszahlungen vom Süden an den Norden für schlechtets Wetter (das ist ernst gemeint).

  • das spiel ist aus...ich hoffe jeder kluge leser hat sich mit konserven,kerzen,bier und allem anderen überlebensnotwendigem eingedeckt
    einen schönen winter noch

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