Dragqueen tritt vor EU-Parlament auf
Europa streitet um die Wurst

Conchita Wurst soll vor dem EU-Parlament singen: Das wird in Brüssel zum Politikum. Ihr Auftritt dürfte bis zu 22.000 Euro kosten. Gut angelegtes Geld, finden die Grünen. Die AfD tobt – doch nicht wegen der Kosten.
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BrüsselEs soll ein Zeichen sein, ein Statement für Toleranz und Offenheit der europäischen Gesellschaft – nun sorgt der geplante Auftritt des Travestiekünstlers Conchita Wurst vor dem Europaparlament erstmal für Aufsehen. „Ich bergreife nicht ganz, wie damit der europäischen Sache gedient sein soll. Es gibt Wichtigeres, worum wir uns im Europaparlament kümmern müssen“, sagte Herbert Reul, Chef der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, Handelsblatt Online. Ein Drama macht der Christdemokrat aus dem Auftritt der Dragqueen gleichwohl nicht: „Es gibt sicherlich Schlimmeres.“

Conchita Wurst, alias Thomas Neuwirth, Gewinnerin des Eurovision-Songcontests 2014, besucht auf Initiative mehrerer Abgeordneter aus verschiedenen Fraktionen am 8. Oktober das Europäische Parlament in Brüssel. Zur besten Mittagszeit ist ein Konzert auf der Esplanade Solidarnosc vor dem Parlamentsgebäude geplant.

Mit ihrem Votum für Conchita Wurst beim European Song Contest hätten Europas Bürger ein großartiges Zeichen für Offenheit und Nicht-Diskriminierung gesetzt, sagt die Hauptinitiatorin des Auftritts, die grüne Vize-Präsidentin des EU-Parlaments Ulrike Lunacek: „Die Politik in der EU und den Mitgliedsstaaten muss dies in gesetzliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für ein Leben und Lieben ohne Angst für alle umsetzen.“ Die Künstlerin selbst meint: „,Rise Like A Phoenix' vor dem Europaparlament wird diesem Auftrag musikalisch zu neuem Schwung verhelfen.“

Für die AfD im Abgeordnetenhaus ist das ein Affront: „Den Auftritt von Thomas Neuwirth vor dem Europäischen Parlament halte ich bestenfalls für überflüssig“, sagte Beatrix von Storch von der Alternative für Deutschland (AfD) dem Wochenblatt „Junge Freiheit“. Anstatt sich „laufend um unsere vielfältige Sexualität zu drehen“, solle das Europäische Parlament seine Aufmerksamkeit besser auf die verfolgten und grauenvoll ermordeten Menschen im Irak und Syrien richten, fordert die Europa-Abgeordnete. „Die Mittel und die Energie des Parlamentes werden mit Auftritten wie denen dieser sich selbst ja so bezeichnenden Wurst verschwendet.“

Jeder Abgeordnete bekommt von seiner Fraktion ein Budget für die Öffentlichkeitsarbeit. Solange er nicht die grundlegenden Werte des Parlaments verletzt, kann er damit tun und lassen, was er will. „Es ist die individuelle Entscheidung der Abgeordneten, wen sie einladen, und auch, wofür sie die ihnen zustehenden Mittel verwenden“, erläuterte ein Parlamentsmitarbeiter.

Kommentare zu " Dragqueen tritt vor EU-Parlament auf: Europa streitet um die Wurst"

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  • "Es soll ein Zeichen sein, ein Statement für Toleranz und Offenheit der europäischen Gesellschaft

    Die Offenheit und Toleranz der europäischen Gesellschaft wird schon hinreichend praktiziert indem man sich von transatlantischen Schnüffelorganisationen in alle möglichen ‚privaten‘ Bereichen ausspionieren lässt.
    Mehr Offenheit und Toleranz geht schon gar nicht mehr

    Der Wunsch eines Auftritt von Conchita Wurst ist jedoch verständlich in Anbetracht der Gemeinsamkeiten von EU-Parlamentarier und Frau/Herrn Wurst.
    Beide sind ausgesprochen talentfrei und werden über Gelder der Allgemeinheit alimentiert.
    Der europäischen Gesellschaft wäre insgesamt geholfen, wenn sich die Parlamentarier nur noch mit solchen Dingen beschäftigen. Das bewahrt uns dann vor Schlimmeren.

  • Durch die falsche Formulierung, die "Österreicherin Lunacek lässt SICH den Auftritt von Wurst bis zu 11.000 Euro kosten", war die Botschaft falsch in mein Hirn gesickert. Da haben Sie also Recht - und wieder wird es wohl nichts mit "Der Kongress tanzt" in Brüssel.

  • Respekt, ihre Kommentare zum Thema treffen den Nagel auf den Kopf...

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