Drama um deutsche Geiseln
„Wir lassen uns nicht erpressen“

Die Bundesregierung bleibt hart: Berlin hat die von der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gestellten Bedingungen für die Freilassung der drei im Osten der Türkei entführten deutschen Bergsteiger abgelehnt. Denn womöglich geht es der PKK auch gar nicht wirklich um einen Politikwechsel in Deutschland.

HB BERLIN/MÜNCHEN/ANKARA. Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Innenminister Wolfgang Schäuble betonten, die Bundesregierung lasse sich nicht erpressen. "Wir erwarten eine sofortige und bedingungslose Freilassung", sagte Steinmeier.

Die PKK-nahe Nachrichtenagentur Firat hatte am Donnerstag in einer Erklärung gefordert, Berlin müsse seine "feindliche Politik" gegenüber der PKK und dem kurdischen Volk einstellen. Einzelheiten zu der "feindlichen Politik" wurden nicht genannt. Die zehn anderen Bergsteiger, die von den Kidnappern zurückgelassen worden waren, traten am Donnerstag die Heimreise nach Deutschland an.

Der Krisenstab im Auswärtigen Amt in Berlin arbeite weiter intensiv an einer Lösung. "Ich hoffe auf ein gutes Ergebnis", sagte Steinmeier. Unterdessen beauftragte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe das Bundeskriminalamt mit Ermittlungen wegen Geiselnahme und versuchter Nötigung.

Er habe mit seinem türkischen Kollegen wegen des Falls telefoniert, sagte Schäuble dem Radiosender MDR Info. Zudem habe das Bundeskriminalamt Mitarbeiter in die Türkei geschickt, damit sie dortige Stellen unterstützen. Es gehe darum, energisch und umsichtig zu handeln. "Wir tun alles, dass die Drei wohlbehalten wieder freikommen", versicherte Schäuble.

Den Entführten gehe es gut, hieß es in der über die Agentur Firat verbreiteten Erklärung weiter. Das türkische Militär wurde aufgefordert, seine Operationen am Berg Ararat einzustellen, da dies das Leben der Geiseln gefährde. Die Behörden hatten am Donnerstag den Berg im Osten des Landes für Touristen bis auf weiteres gesperrt.

Fünf PKK-Kämpfer hatten am Dienstagabend die drei aus Bayern stammenden, 33, 48 und 65 Jahre alten Männer aus einem Camp am Ararat auf 3200 Metern Höhe verschleppt. Die übrigen zehn Mitglieder der deutschen Bergsteigergruppe konnten in die Stadt Dogubayazit zurückkehren. Sie traten nach Angaben örtlicher Fotografen die Rückreise nach Deutschland an. Die Männer und Frauen trafen am Donnerstag auf dem Flughafen der türkischen Stadt Van ein. Von dort aus wollten sie zunächst nach Ankara und dann nach Deutschland weiterfliegen, hieß es.

Die Bergsteiger waren nach dem Überfall am Ararat von einem Botschaftsmitarbeiter konsularisch betreut worden. Auch der Deutsche Alpenverein (DAV) in München, der die Reise organisiert hatte, entsandte ein Krisenteam, das sich um die Gruppe kümmern sollte. Die drei Bergsteiger waren bei der Entführung unverletzt geblieben. Bei dem Vorfall sei keine Waffengewalt angewandt worden, hatte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Mittwoch berichtet. Eine bayerische Kriminalbeamtin, die Mitglied der Reisegruppe ist, hatte gleich nach der Entführung ihre Dienststelle telefonisch informiert.

Vor knapp drei Wochen hatte das Bundesinnenministerium ein Betätigungsverbot gegen den kurdischen Fernsehsender Roj-TV verhängt. Die in Europa und den USA als Terrororganisation eingestufte PKK ist in Deutschland seit November 1993 verboten. Sie kämpft seit 1984, auch mit Anschlägen in Touristengebieten, für einen eigenen Staat der Kurden oder zumindest ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei. In den wichtigsten türkischen Medien spielte die Nachricht von der Entführung am Donnerstag keine große Rolle. Die auflagenstärkste Zeitung "Hürriyet" berichtete beispielsweise erst auf Seite 18 in einer kurzen Meldung. Auch in den elektronischen Medien war das Thema nachgeordnet.

Womöglich geht es der PKK auch gar nicht wirklich um einen Politikwechsel der deutschen Regierung. Einige Experten meinen, die PKK will mit der Entführung ein Zeichen der Stärke und Handlungsfähigkeit setzen. „Die PKK steht unter starkem Druck“, sagt Heinz Kramer von der Stiftung Wissenschaft und Politik: Militärisch setzten ihr die türkischen Streitkräfte im Nordirak zu, politisch verliere sie zunehmend Rückhalt in der kurdischen Bevölkerung in der Türkei. „Die PKK befindet sich auf dem absteigenden Ast“, analysiert der Türkei-Experte. Seit der Bodenoffensive der türkischen Truppen gegen Stellung der PKK im Nordirak Anfang dieses Jahres fehle der Organisation ein Erfolg. „Da haut man auch schon mal auf den Putz“, sagt Kramer.

Auch Cemal Karakas von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung glaubt: „Die Entführungsaktion soll vor allem Stärke, Logistik- und Handlungsfähigkeit demonstrieren.“

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