Dramatischer Hilferuf
Abrutschende Mittelschicht in Frankreich

Keine Wohnung, keine medizinische Versorgung, Mangelernährung: In Frankreich stürzen immer mehr Menschen sozial ab. Ebenso wie Deutschland hat auch Frankreich das Problem der Armut lange verdrängt. Doch jetzt grassiert in der französischen Mittelschicht die Angst vor dem sozialen Abstieg – und zwar zu Recht.

PARIS. Vier Hilfsorganisationen wandten sich am gestrigen Dienstag mit einem dramatischen Hilferuf an die Politik. Nach der Präsidentschaftswahl im Frühjahr müsse die neue Regierung dafür sorgen, dass „alle Zugang haben“ zu den sozialen „Grundrechten“, heißt es in dem Appell, den die Organisationen Amnesty International, Secours Catholique, Action mondiale contre la pauvreté und ATD Quart Monde gemeinsam lancierten.

Ebenso wie Deutschland hat auch Frankreich das Problem Armut lange verdrängt. Genauso wie die Deutschen glaubten auch die Franzosen an die Segnungen des Sozialstaates. Doch mittlerweile kann das Land der Gleichheit und Brüderlichkeit die Augen vor seiner neuen Unterschicht nicht mehr verschließen: 3,7 Millionen Franzosen, davon eine Million Kinder, leben unterhalb der Armutsgrenze.

In der französischen Mittelschicht grassiert jetzt die Angst vor dem sozialen Abstieg – und zwar zu Recht. Erstmals seit dem Krieg sei ein beträchtlicher Teil der Mittelschicht von „echter Deklassierung“ betroffen, schreibt der Soziologe Louis Chauvel in seinem Buch „Les Classes moyennes à la dérive“ (Die abrutschende Mittelschicht). Chauvel erklärt das „neue Phänomen“ ökonomisch mit der fehlenden Wachstumsdynamik, soziologisch mit der Massenarbeitslosigkeit und politisch-kulturell mit dem Untergang eines solidarischen Gesellschaftsmodells.

Die Folgen sind im öffentlichen Leben zu besichtigen. In Paris bevölkern mittlerweile so viele Obdachlose die Straßen, dass die Regierung unter Druck gerät. Karitative Organisationen und Gewerkschaften verlangen ein „einklagbares Grundrecht auf Wohnung“. Für den französischen Sozialstaat wäre das eine Revolution. Denn anders als in Deutschland haben französische Sozialhilfeempfänger bisher keinen Anspruch auf eine staatlich finanzierte Wohnung. Und die Wartezeit auf eine Sozialwohnung beträgt in Paris „zehn Jahre“, klagt Pierre Saglio von der Hilfsorganisation ATD Quart Monde. Seinen Angaben zufolge müssen in Frankreich mittlerweile 800 000 Menschen, davon jeder Zehnte ein Kind, in Elendsquartieren oder auf der Straße leben. Denn die astronomischen Mieten in der französischen Hauptstadt sind für sie unbezahlbar geworden.

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