Drei Pipeline-Projekte für Erdgas-Importe werden realisiert
Indien schreibt Asiens Energieatlas neu

Indiens rasant steigender Energiehunger rüttelt an alten politischen Tabus: Die Regierung in Neu Delhi genehmigte jetzt den Bau von drei transnationalen Gaspipelines, die durch einige der sicherheitspolitisch sensibelsten Gebiete der Welt verlaufen sollen. Bislang hatten gespannte Beziehungen mit Nachbarländern solche Projekte verhindert. Doch zur Absicherung des hohen Wirtschaftswachstums gewinnt der Erwerb strategischer Öl- und Gasreserven im Ausland nun oberste Priorität für Indien – ähnlich wie zuvor bereits für China.

NEU DELHI. Damit steigen Chancen, dass die teils seit Jahren angedachten Pipelines auch gebaut werden. Eine der drei nun im Prinzip genehmigten Leitungen soll von Myanmar über Bangladesch nach Indien führen, eine zweite von Iran über Pakistan. Diese könnte erweitert werden durch eine dritte Leitung, die aus Turkmenistan kommend Afghanistan durchquert.

Als Meilenstein sehen Sicherheitsexperten in Neu Delhi, dass das Kabinett Ölminister Mani Shankar Aiyar ermächtigt hat, bei den diplomatisch sensiblen Pipeline-Verhandlungen eine tragende Rolle zu spielen. Seit der Karrierediplomat Ölminister wurde, steht der Erwerb strategischer Energiereserven ganz oben auf Indiens Agenda. „Die Pipe-lines werden unsere Energiesicherheit drastisch verbessern“, wirbt Aiyar. Er träumt von einem transasiatischen Gas-Netz, das sich vom Persischen Golf bis Südostasien erstreckt und selbst den Rivalen China einbindet.

Bei einem Projekt erzielte Indien bereits einen Durchbruch: Nach jahrelangem Ringen einigte es sich An-fang des Monats auf eine 900-Kilometer lange Pipeline, die Gas aus Myanmar über Bangladesch ins Land leiten wird. Mit dem Bau soll noch 2005 begonnen werden. „Dies ist ein historisches Ereignis“, urteilt Bangladeschs Energieminister Mosharraf Hossain über den Deal, „die Pipeline ist das politisch und wirtschaftlich wichtigste Projekt in der Region.“ Sie gibt den schwachen Handelsbeziehungen zwischen den Nachbarn Auftrieb und könnte ihre politischen Differenzen mindern.

Ayiar sieht Kooperation im Energiesektor als treibene Kraft für eine bessere wirtschaftliche Integration der Region, und westlichen Diplomaten zufolge könnte Indiens Energiehunger sogar helfen, Südasiens sicherheitspolitische Landkarte um-zuschreiben. Als Schlüssel dazu gilt eine zweite Gaspipeline, die Irans riesige Reserven über Pakistan nach Indien bringen soll. Dieses Projekt könne „die Beziehungen in Südasien grundlegend verändern und ein neues Paradigma für Zusammenarbeit und Freundschaft schaffen“, prophezeit Indiens Außenminister Natwar Singh. Bei einem Besuch in Pakistan trieb er vor kurzem den Friedensprozess zwischen den Erzfeinden voran. Außerdem wird Singh Verhandlungen über die Gasleitung beginnen. Pakistans Premier Shaukat Aziz lobt diese bereits als „Friedens-Pipeline“, denn sie werde wirtschaftliche Abhängigkeiten schaffen, die Versöhnung fördern.

Auf indischer Seite bleiben allerdings politische Vorbehalte wegen des Kaschmir-Konflikts und Bedenken wegen der Versorgungssicherheit im Krisenfall. Als teurere Alternativen sondiert das Land daher eine Unterwasser-Pipeline aus dem Iran oder den Import von Flüssiggas. Ein westlicher Diplomat erkennt jedoch „einen neuen Ernst“ bei den Gesprächen über die Land-Pipelines. Dass wirtschaftliche Erwägungen nun größeres Gewicht gewännen, mache positive Ergebnisse wahrscheinlicher.

Motor für diese Entwicklung ist Indiens rasant steigender Energiebedarf. Das Land will die heimische Gasförderung zwar von jetzt rund 100 Mill. Kubikmetern pro Jahr verdoppeln. Doch sein Bedarf soll bis 2025 auf 400 Mill. Kubikmeter steigen. In zwanzig Jahren dürfte sich die Importabhängigkeit bei Öl zudem von derzeit 70 Prozent auf 85 Prozent erhöhen. Daher verfolgt Indiens Energie-Diplomatie neben den Pipelines eine zweite Stoßrichtung: Mit Rückendeckung der Regierung machen sich staatliche Energiekonzerne auf die Jagd nach Öl- und Gasreserven von Sibirien bis in die Anden und legen dabei große Summen auf den Tisch. Mit Iran wurde im Januar ein 40 Mrd. Dollar teurer Gas- und Öl-Deal geschlossen.

Dass es im globalen Energie-Monopoly einen neuen Spieler gibt, unterstreicht Indiens jüngster Vorstoß: In direkter Konkurrenz mit China und mit diplomatischem Flankenschutz der Regierung will die staatliche ONGC bei der russischen Yuganskneftegaz einsteigen, der Tochter des renationalisierten Yukos-Konzerns.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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