Dreiergipfel
Vormarsch der Taliban: Im Teufelskreis

Die Taliban kontrollieren mittlerweile weite Teile der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan und bauen ihre Macht in der Region sogar noch aus. Der Vormarsch der radikalen Islamisten im Atomwaffenstaat beunruhigt Washington. Ein Krisengipfel der Präsidenten soll die angespannte Lage entschärfen.

DELHI/WASHINGTON. Ende März erst hatte die US-Regierung ihre neue Strategie für Afghanistan und Pakistan vorgelegt. Doch keine sechs Wochen später ist US-Präsident Barack Obama bereits gezwungen, seinen Kurs anzupassen. Der Grund: Pakistan entwickelt sich zusehends zu einem hochgefährlichen Risikofaktor. Was erschwerend hinzukommt: Die amerikanischen Einflussmöglichkeiten sind in Bezug auf Islamabad weit begrenzter als auf Kabul.

In dem „White Paper“, das die US-Regierung kurz vor dem Nato-Gipfel präsentierte, war noch die Rede davon, die zivilgesellschaftlichen Kräfte und die Verfassung in Pakistan zu stärken. Eine lebendige Wirtschaft solle den Menschen Pakistans neue Möglichkeiten eröffnen. Das will die Obama-Regierung zwar noch immer. Doch inzwischen rücken rein sicherheitspolitische Belange immer stärker in den Vordergrund. Denn die Regierung in Islamabad wird über den wachsenden Machtanspruch der islamischen Extremisten im Land kaum noch Herr.

Während der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari und sein afghanischer Kollege Hamid Karsai heute auf dem Krisengipfel in Washington sind, rücken die Extremisten immer weiter vor. Gestern übernahmen sie die Kontrolle in Mingora, einer Stadt im umkämpften Swattal 150 Kilometer nördlich von Islamabad. Und im Nachbardistrikt Buner behaupten die Kämpfer, die aus Taliban und anderen Gruppierungen bestehen, trotz einer tagelangen Großoffensive des Militärs ihre Position. Jenseits der bergigen Grenze ist das Bild nicht anders: Wie jedes Jahr pünktlich zum Frühjahr gehen die Taliban in Afghanistan in die Offensive.

Wie sehr Washington von den Entwicklungen beunruhigt ist, lässt sich an den Worten von Generalstabschef Mike Mullen ablesen. Am Montag sagte er im Pentagon über das Vorrücken der Taliban: „Ihre Erfolge bedrohen direkt unsere nationalen Interessen in der Region und unsere Sicherheit zu Hause.“ Ganz konkret musste Obama vergangene Woche bereits Befürchtungen entkräften, die Atomwaffen Pakistans könnten in falsche Hände geraten. Die tatsächliche Bedrohung ist dagegen wohl eher gering, da Trägerraketen und Sprengköpfe an getrennten Orten im sichereren Osten Pakistans gelagert sind. Zudem soll ein von den USA geliefertes Codesystem das unbefugte Scharfmachen der Waffen verhindern.

Gleichwohl sieht sich Obama schneller als erwartet einem Dilemma gegenüber, unter dem auch schon die Vorgängerregierungen litten: Sie müssen sich mit eher ungeliebten pakistanischen Machthabern arrangieren und diese massiv stützen, um noch größere Verwerfungen zu verhindern. Für Richard N. Haass, Präsident des Council on Foreign Relations in Washington und unter Colin Powell Botschafter im State Department, ist das im Falle Pakistans ein stets wiederkehrendes Muster: „Es gibt in der Außenpolitik kaum etwas Schwierigeres, als mit sogenannten Freunden umzugehen. Jeder fühlt sich sofort vom anderen im Stich gelassen, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen. Doch gleichzeitig kann man ja auch nicht seine Freunde mit Sanktionen bestrafen.“

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