Dreierkollegium soll Zeit bis zu Neuwahlen überbrücken – Spekulationen um Krebserkrankung
Palästinenser bereiten sich auf Arafats Nachfolge vor

Die akut verschlechterte Gesundheit von Palästinenserführer Jassir Arafat hat eine Debatte über seine Nachfolge entfacht und damit neue Bewegung in den Nahost-Friedensprozess gebracht. Arafat soll bereits ein Dreierkollegium ernannt haben, das nach seinem Tod die Regierungsgeschäfte führen soll. Das berichten palästinensische Journalisten in Ramallah, dem Amtssitz Arafats im Gaza-Streifen.

HB RAMALLAH. Sein Tod könnte aber auch zu einem Machtkampf unter den Palästinensern führen und hätte Folgen für den Abzugsplan des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon. Arafat hat es stets abgelehnt, einen Nachfolger aufzubauen. Im Fall eines Todes scheint eine chaotische Übergangsphase nahezu unvermeidlich. Schon heute kommt es immer wieder zu Straßenkämpfen von Anhängern rivalisierender Funktionäre.

Den Informationen aus Ramallah zufolge soll das Dreierkollegium aus dem amtierenden Premier Achmed Kureia, seinem Vorgänger Mahmoud Abbas und Parlamentspräsident Salim el Zaanoun bestehen. Offiziell dementierte ein Sprecher Arafats eine solche Ernennung jedoch. Abbas und Kureia waren in Arafats Hauptquartier geeilt, nachdem er einen Zusammenbruch erlitten und das Bewusstsein verloren hatte. Beide wollen die Nachfolge Arafats antreten.

Nach dem palästinensischen Grundgesetz rückt der Parlamentssprecher bis zu Neuwahlen an die Regierungsspitze. Der vielen unbekannte el Zaanoun verfügt aber über keine Hausmacht, so dass man ihm offenbar nicht zutraut, die Verantwortung allein zu schultern. Angesichts der anhaltenden Besatzung und der chaotischen Verhältnisse in den palästinensischen Gebieten ist zudem derzeit an Wahlen nicht zu denken.

Der tatsächliche Gesundheitszustand des 75-jährigen Palästinenserchefs blieb gestern unklar. Sein Blut weist nach Angaben seiner Ärzte zu niedrige Thrombozytenwerte auf. Dafür könne es verschiedene Gründe geben, unter anderem eine Krebserkrankung, hieß es. Zusätzliche Untersuchungen seien nötig. Arafats Leibarzt Aschraf Kurdi sagte, es bestehe keine unmittelbare Lebensgefahr. Thrombozyten tragen zur Blutgerinnung bei. Zu geringe Werte können von einer ganzen Reihe Gesundheitsproblemen verursacht werden, darunter blutende Geschwüre, Darmentzündungen, Blutkrebs wie Leukämie und Lymphom, Lebererkrankungen, Lupus und Windpocken. Zur weiteren Behandlung wird der PLO-Chef heute in Paris erwartet.

Um Arafat eine medizinische Behandlung im Ausland zu ermöglichen, erlaubt ihm die israelische Regierung, die Westbank-Stadt Ramallah zu verlassen. Die israelische Regierung will ihm dabei auch die Rückkehr nach Ramallah erlauben. „Wenn Arafat zu einer medizinischen Behandlung ausreist, wird Israel ihm die Rückkehr ermöglichen“, sagte der Berater des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, Dov Weissglass. Die Gesundheit Arafats, der seit mehr als zwei Jahren in seinem Hauptquartier in Ramallah unter Hausarrest steht, gab seit längerer Zeit Anlass zu Spekulationen. Er habe möglicherweise einen Schlaganfall erlitten, spekulierten gestern israelische Regierungskreise. Die israelische Armee bereitet sich Berichten zufolge auf den möglichen Tod von Arafat vor. Danach wolle das Militär auf einen bereits im vergangenen Jahr ausgearbeiteten Plan zurückgreifen. Die Operation „Neues Kapitel“ konzentriere sich vor allem darauf, unmittelbar nach dem Ableben des Palästinenserführers schwere Unruhen im Westjordanland und Gazastreifen zu verhindern.

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