Drohende Staatspleite
Das griechische Volk zeigt Nervenstärke

Auf Athens beliebtester Einkaufsmeile, der Hermesstraße, benannt nach dem antiken Gott der Kaufleute, herrscht Hochbetrieb. Von Krisenstimmung und drohender Staatspleite ist hier nichts zu spüren.
  • 0

ATHEN. Nur wenige Passanten, die mit ihren Weihnachtseinkäufen durch die Fußgängerzone eilen, werfen einen Blick auf die Titelseiten der Zeitungen, die an den Kiosken aushängen: „Alarm an der Börse“ – „Die Schlinge zieht sich zu“. Die Lettern sind fett. Doch niemand scheint beunruhigt. Ein Clown verkauft Luftballons, ein afrikanischer Migrant hat seine gefälschten Louis Vuitton-Taschen auf einem Bettlaken ausgebreitet. „Arbeiter, erhebt Euch!“, steht auf der Titelseite des „Risospastis“, dem Zentralorgan der griechischen KP. Aber auch dieser Appell findet auf der Hermesstraße keine sichtbare Resonanz.

Angesichts der desolaten wirtschaftlichen Lage Griechenlands macht Brüssel jetzt Druck. Die Lage des Landes sei „tragisch“, klagt Jean-Claude Juncker, Chef der Eurogruppe. Und Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, sieht die Notwendigkeit „sehr mutiger, aber absolut notwendiger Maßnahmen“. In der europäischen Hauptstadt ist man nicht zuletzt deshalb mit der Geduld am Ende, weil sich die Griechen bereits Ende der 1990er Jahre mit frisierten Defizitstatistiken den Zugang zur Währungsunion erschlichen haben und seither den Partnern ständig Wirtschaftsdaten unterzujubeln versuchen, die näherer Überprüfung nicht standhalten.

Längst ist „Greek statistics“ in Brüssel das geflügelte Wort für geschönte Bilanzen. Aber mit den griechischen Wirtschaftsdaten ist das so eine Sache – selbst wenn man sorgfältig rechnet. Das offizielle BIP von rund 240 Mrd. Euro gibt keineswegs die gesamte Wirtschaftsleistung wieder. Der Clown auf der Hermesstraße zahlt ebenso wenig Steuern wie der Taschenverkäufer.

Viele Weihnachtseinkäufer stellen ihr Auto für zwölf Euro die Stunde in einem der Parkhäuser ab. Aber deren Betreiber melden dem Finanzamt oft nur Jahreseinkommen von weniger als tausend Euro. Viele Geschäfte in Griechenland laufen ohne Quittung. Fachleute schätzen die Schattenwirtschaft auf ein Drittel des offiziellen BIP. Das entspräche einem Volumen von rund 80 Mrd. Euro. Auch deswegen ist die Krise im vorweihnachtlichen Gewühl auf der Hermesstraße weit weg.

In der „Odos Sophokleous“ ist sie jedoch angekommen. Nach dem antiken Tragödienschreiber Sophokles heißt jene Straße in Athen, wo viele Börsenmakler ihre Büros haben. Der Name passt. Denn hier spielen sich Dramen ab. Die Charts auf den Bildschirmen der Broker kennen nur noch eine Richtung: abwärts. In der ersten Wochenhälfte büßte der Athener Leitindex zwölf Prozent ein. Auch die Kurse der griechischen Staatsanleihen stürzten ab. Das Land wird als Kandidat für eine Staatspleite gehandelt. „Ist Griechenland das nächste Island?“, fragte ein BBC-Reporter den Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am Mittwoch. „Nein“, versicherte dieser, „apokalyptische Befürchtungen sind unangebracht“.

Seite 1:

Das griechische Volk zeigt Nervenstärke

Seite 2:

Kommentare zu " Drohende Staatspleite: Das griechische Volk zeigt Nervenstärke"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%