Drohnen und Schweigen Zivile Opfer in Afghanistan

Bomben auf Dörfer, um die Taliban zu treffen. Die afghanische Armee sei zu schwach, Luftangriffe der USA oft das einzige Mittel, Aufständische fernzuhalten. Das scheint mehr zivile Opfer zu fordern, als zuvor angenommen.
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Die USA greift seit Jahren in Afghanistan ein. Bei den Luftangriffen soll es aber mehr zivile Opfer geben, als gedacht. Quelle: dpa
Luftkrieg in Afghanistan

Die USA greift seit Jahren in Afghanistan ein. Bei den Luftangriffen soll es aber mehr zivile Opfer geben, als gedacht.

(Foto: dpa)

KabulIm Morgengrauen klettern die Männer in den Turm. Trutzig, drei Stockwerke hoch, steht er im Hof einer Familie am Rand des Dorfes Jendakhel in der ostafghanischen Provinz Nangarhar. Der Turm ist die vorderste Front im Dorf gegen den Feind. Der Feind, das sind die neuen Horden der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die diesen Bezirk und mindestens vier weitere seit Monaten plagen. Die Männer waren gewarnt worden, dass ein Überfall kommt. Mit Ferngläsern suchen sie die Berge ab. Irgendwo in den Wolken über ihnen kreist eine Drohne. Um acht Uhr schlägt die Rakete ein.

Das Dorf hatte den Turm aus Lehm gebaut. Als er in einer riesigen Staubwolke in sich zusammenstürzt, begräbt er unter sich fünf Männer, die dem Staat treu ergeben waren. Sie alle waren Mitglieder einer von der Regierung ausgerüsteten Bürgerwehr, die helfen sollten, den IS zu bekämpfen – Alliierte der afghanischen Regierung und der USA im Kampf gegen die Islamisten. Massud, 30. Bahadur, 45. Afsal Khan, 32. Rasik, 35. Siarat Gul, 25 – sie alle waren Bauern.

„Der Angriff war ein großer Fehler“, sagt der Bruder eines der Toten, Babur Khan, in würdevoller Zurückhaltung. Knapp drei Monate nach dem Luftschlag gegen den Turm sitzt er im dschungelartigen Garten eines Hotels in der Provinzhauptstadt von Nangarhar, Dschalalabad. Babur Khan hat sich fein gemacht für das Treffen, in säuberlich gebügeltem Hemd, der Bart gestutzt. Er spricht leise und gemessen.

Die größten Krisenherde der Welt
Syrien
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Der Syrien-Krieg ist der wohl schlimmste Konflikt der Gegenwart. Eine friedliche Lösung ist noch nicht in Sicht. Die Unruhen haben im Frühjahr 2011 mit Protesten gegen den Staatspräsidenten Assad begonnen. Die zunächst friedlichen Demonstranten wehrten sich gegen die Unterdrückung durch das Regime und forderten mehr Freiheit. Seitdem kämpfen Anhänger der Regierung, die Opposition und auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ um die Macht im Land. Mittlerweile sind bei dem Konflikt schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen. Knapp zwölf Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren.

Irak
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Die Terrormiliz Islamischer (IS) Staat hat immer noch Teile des Irak unter ihrer Kontrolle. Die Befreiung des Landes vom IS ist laut dem dortigen UN-Gesandten Jan Kubis allerdings nicht mehr weit entfernt. Militäreinsätze gegen den IS würden „in der eher nahen absehbaren Zukunft“ zu einem Ende kommen, sagte Kubis vor dem Weltsicherheitsrat in New York. Die Tage der Terrororganisation seien gezählt. Das Land ist seit dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 destabilisiert. Die Vereinten Nationen schätzen, dass alleine im vergangenen Jahr knapp 7000 Zivilisten durch den Krieg ums Leben gekommen sind. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.

Afghanistan
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Im Jahr 2001 sind die USA in das Land einmarschiert, um das Terrornetzwerk Al-Kaida auszulöschen und die Taliban von der Macht zu vertreiben. Doch die beiden Gruppen töten weiter. Afghanistan steckt immer noch tief in der Krise. Mit rund 11.500 Toten und Verletzten hat die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 3498 Zivilisten getötet und 7920 verletzt worden. Das sind etwas mehr als im Vorjahr. Unter anderem haben die Anschläge der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) deutlich zugenommen: Die Opferzahl durch IS-Angriffe hat sich im Vergleich zum Vorjahr verzehnfacht. Insgesamt gingen 61 Prozent der zivilen Opfer den Vereinten Nationen (UN) zufolge auf regierungsfeindliche Gruppen, wie die radikalislamischen Taliban und den IS zurück. Laut UN gab es zunehmend Selbstmordattentate etwa in Moscheen.

Ukraine
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Die Ostukraine erlebt derzeit die schwersten Gefechte seit Monaten. Innerhalb einer Woche sind in den Reihen der Regierungstruppen und der prorussischen Separatisten jeweils mehr als 15 Kämpfer getötet worden. Manche Beobachter sehen die Schuld bei Russland. Mit einer gezielten Eskalation durch die moskautreuen Separatisten wolle Russland die Reaktion der neuen US-Regierung testen, heißt es. Andere machen die Ukraine verantwortlich. Kiew wolle die Aufmerksamkeit des Westens wieder auf den Konflikt lenken und zudem eine mögliche Lockerung der westlichen Sanktionen gegen Russland verhindern, heißt es. Seit Beginn der Aufstände im Jahr 2014 sind nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens knapp 10.000 Menschen ums Leben gekommen.

Nigeria
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Die Islamistengruppe Boko Haram sorgt in Nigeria seit dem Jahr 2011 für Terror. Ihr Ziel ist es, einen eigenen Islamischen Staat zu gründen, dazu ermordet sie Christen und Muslime. Militärisch hat Nigeria die Boko Haram zurückgedrängt. Doch die sunnitschen Extremisten führen immer noch Anschläge im Nordosten des Landes aus. Mehr als zwei Millionen Nigerianer sind vor der Gewalt geflohen und leben in Flüchtlingslagern, wie zum Beispiel hier in Maiduguri. Im Nordosten des Landes sind den Vereinten Nationen zufolge fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, rund zwei Millionen von ihnen gelten bereits als mangelernährt.

Mali
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er Norden Malis und die angrenzenden Gebiete der Sahelzone sind ein Rückzugsgebiet für Rebellen und islamistische Terroristen. Seit dem Sturz der Regierung von Präsident Amadou Toumani Touré im März 2012 herrscht Chaos im Land. Neben Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) sind die Terrorgruppen Ansar Dine und Al Mourabitoun in dem Land aktiv. Die Islamisten zwingen der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Städten eine fundamentalistische Form der Scharia auf. Zuletzt gab es auch vermehrt Anschläge im Zentrum des Landes. Zuletzt sind am 18. Januar mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen. Bis zu 15.000 UN-Blauhelmsoldaten und Polizisten bemühen sich um eine Stabilisierung des Landes. Deutschland beteiligt sich mit rund 500 Bundeswehrsoldaten an dem Einsatz - bald sogar mit bis zu 1000 Soldaten.

Südsudan
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Die jüngste Nation der Welt steht auf der Kippe. Das Land stürzte Ende 2013 in einen blutigen Bürgerkrieg. Auf der einen Seite stehen die Anhänger von Präsident Salva Kiir, auf der anderen die seines früheren Stellvertreters Riek Machar. Der Streit hat auch eine ethnische Komponente. Die beiden Männer gehören den beiden größten Volkgruppen des Landes, den Dinka und den Nuer, an. Die Vereinten Nationen warnen vor einem Völkermord. Etwa 13.000 Blauhelmsoldaten bemühen sich um eine Stabilisierung des ostafrikanischen Landes, die Entsendung von weiteren 4000 ist schon beschlossen. Der Ende 2013 ausgebrochene Konflikt hat Zehntausende Menschenleben gefordert; knapp drei Millionen Menschen sind auf der Flucht vor der Gewalt. Nach UN-Angaben haben rund 4,8 Millionen Menschen - also etwa jeder dritte Südsudanese - nicht genug zu essen.

Ein Offizier aus einem nahen afghanischen Armeelager hatte den Dörflern gesagt, die Amerikaner hätten die Drohne geschickt, so erzählt Babur Khan es - aber sie hätten den von der afghanischen Armee gegebenen Standort der IS-Kämpfer verwechselt mit Jendakhel. Überprüfen lässt sich das nicht. Aber wer auch immer den Fehler gemacht hat - er passt zu vielen Berichten über die Probleme von Luftangriffen in einem zunehmend unübersichtlichen Krieg.

Denn die fünf Toten aus Jendakhel sind nur ein Fall von vielen. Große Aufmerksamkeit bekommen sie nicht. Viele Menschen in Afghanistan haben heute ein Interesse daran, dass es weitergeht mit den Luftschlägen.

Um 40 Prozent ist die Zahl der Geschosse gestiegen, die amerikanische Piloten während Luftmissionen 2016 abgefeuert haben, heißt es in einer sogenannten „Luftmacht-Statistik“ des Pentagons aus dem Dezember. Die der Opfer von Luftangriffen ist sogar noch schneller gewachsen - um 99 Prozent auf 250 Tote und 340 Verletzte, sagen die UN in ihrem Anfang Februar veröffentlichten Jahresbericht zu den zivilen Opfern des Krieges.

Allein in einer Nacht im November starben bei einem Luftangriff der USA in Kundus, Nordafghanistan, 32 Zivilisten. Die Taliban hatten teilweise aus Privathäusern auf US- und afghanische Soldaten geschossen. Man habe in Selbstverteidigung gehandelt, besagt der spätere US-Bericht. Die UN schimpfen, er sei zu viel zu knapp und verlangen eine unabhängige Untersuchung.

Und 2017 geht es weiter mit den toten Zivilisten: Erst vor einer Woche waren in Helmand, bitter umkämpfter Süden, mindestens 19 gestorben, als US-Jets im Bezirk Sangin drei Dörfer beschossen - oder besser, als sie dort die Taliban beschießen wollten.

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