Dublin lockt Zukunftsindustrien mit niedrigen Steuern
Irland festigt seine Position als Musterstandort in Europa

Der keltische Tiger ist tot, es lebe der Wachstumsstandort Irland. Zwar erreicht die grüne Insel nicht mehr die Zuwachsraten der späten 90er Jahre, doch wie der Nachbar England hat sich Irland als Musterstandort für ausländische Firmen etabliert. Mit einem Körperschaftsteuersatz von 12,5 Prozent für alle, niedrigen bürokratischen Hürden, guter Ausbildung und aggressiver Anwerbung zieht das Land jedes Jahr 25 Mrd. Euro aus aller Welt an.

DUBLIN. In ihrem jüngsten „Foreign Direct Investment Index“ küren die Wirtschaftsberater von AT Kearney die Insel zum dritten Mal in Folge zur „globalisiertesten Nation“ weltweit. Der britische „Economist“ bezeichnet Irland gar als das Land mit der höchsten Lebensqualität weltweit. Deutschland gehört zu den wichtigsten Partnern Irlands. Die Deutschen haben insgesamt fast 3,5 Mrd. Euro direkt investiert. Nur die USA bringen jedes Jahr noch mehr über den Atlantik. Siemens, SAP, die Deutsche Bank oder Bertelsmann – die deutschen Blue Chips sind alle in Dublin oder den Regionen vertreten. Die Depfa Bank hat sogar ihren Hauptsitz vor Ort.

Der Erfolg, den sich Irland auch dank eines flexiblen Arbeitsmarktes und einer konsequenten Entschuldungspolitik hart erarbeitet hat, macht selbstbewusst. Drohender Konkurrenz neuer EU-Mitgliedern mit noch niedrigeren Steuersätzen tritt Handelsminister Mícheál Martin geradezu lyrisch entgegen: „Wir achten nicht auf Drohungen und Gefahren, wir sprechen nur die Sprache der Realität“. Etwas wirtschaftsnäher formuliert es Barry O'Leary, Exekutiv-Direktor der halbstaatlichen Industrial Development Authority (IDA): „Wir wollen uns die Wertschöpfungskette hinaufbewegen.“

Irland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem traditionellen Standort für IT, Pharma und Gesundheit sowie für Finanzdienstleistungen entwickelt. Künftig will sich das Land noch stärker auf technologisch ambitionierte Projekte konzentrieren. Irland soll in ausgewählten Teilbereichen zu den drei wettbewerbsfähigsten Standorten der Welt aufsteigen, sagt Handelsminister Martin. Die Iren wissen aber auch genau, worauf sie lieber verzichten. Branchen mit hohen Transportkosten wie die Schwerindustrie gehören nicht zu den Favoriten. Lieber als die Auto-Fabrikanten selbst sieht man die Hersteller elektronischer Bauteile.

Bei der Werbung um Investoren gehen die Iren systematisch vor. In einem halben Dutzend Ländern der Welt sitzen Repräsentanten vor Ort, die ein Netzwerk potenzieller Partner pflegen und Firmen gezielt ansprechen. Geht das Interesse über unverbindliche Absichtserklärungen hinaus, laden die Lobbyisten Firmenvertreter zu einem mehrtägigen Besuch auf die Insel ein. Wenn es nötig ist, stellt die IDA auch Gebäude zur Verfügung.

Deutsche Investoren sind nicht nur beliebt, weil sie viel ins Land bringen. Sie denken nach Angaben von Investitionsberater O'Leary langfristiger als andere Investoren. Während US-Firmen zu Krisenzeiten schon einmal „morgens 100 Leute entlassen“, wie er sagt, gehen Deutsche gelassener mit den Höhen und Tiefen der Wirtschaft um.

Einen Fehler machen jedoch noch immer rund zehn Prozent der Investoren: Sie misstrauen der lokalen Kompetenz. Das kann sich nach Ansicht von O'Leary als verhängnisvoll erweisen. Wer die Filialleiter aus dem Ausland einfliegt, hat gegenüber der Konkurrenz wesentliche Nachteile. So kennen die Ausländer meist nicht die Besonderheiten des Marktes oder Dinge wie die lokalen Bauvorschriften. Sie sind auch zu lange mit der Eingliederung selbst beschäftigt, vor allem wenn sie mit der ganzen Familie anreisen.

„Manchmal unterschätzen die Deutschen auch etwas die Mentalitätsunterschiede“, ergänzt Ralf Lissek, Chef der deutsch-irischen Industrie- und Handelskammer. Anders gesagt: Wer ins Land kommt, muss sich eher auf fast schon südländische Gelassenheit einstellen als auf preußische Tugenden. Auch sind die Transportwege noch nicht so gut ausgebaut wie in Deutschland. Auf der Karte geringe Entfernungen ziehen sich in Wirklichkeit schon einmal über mehrere Stunden hin.

Nicht nur bei den Projekten, auch bei den Investoren verfolgt Irland ehrgeizige Ziele. Man will sich noch stärker auf die „Blue Chips“-Firmen konzentrieren. Das liegt zum einen daran, dass diese Firmen in der Regel sicherer sind als Familienbetriebe. Sie haben auch mehr und interessantere Tochterfirmen, die ebenfalls für den irischen Standort in Frage kommen. Ein Beispiel ist die Bertelsmann AG. Der Gütersloher Konzern legte zunächst einen Produktionsstandort der Tochter Sonopress ins irische Balbriggan, später folgte mit dem Finanzdienstleister BFS Finance Ltd. ein weiterer Bertelsmann-Ableger nach Dublin.

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