Durch Kontraste zum Komplettpaket
Anti-Terror-Paket gegen Dream-Team

Die Entscheidung der Demokraten für den Vize John Edwards kommt gut an in den USA. Die Republikaner setzen einen knallharten Dick Cheney dagegen.

HB WASHINGTON. Wie ein Wirbelwind saust John Edwards den Strand entlang, schüttelt Hände, wirft Bikini-Schönheiten ein kurzes „Hallo“ zu. Viele Leute in Wrightsville Beach im Bundesstaat North Carolina dösen in der Mittagshitze. Doch als der Senator im schwarzen Polohemd und hellbraunen Shorts auftaucht, reckten plötzlich alle ihre Hälse. „John, Sie müssen das Ding reißen“, ruft ihm eine Frau zu. Edwards dreht sich um, lächelt, und die blauen Augen scheinen noch blauer als sonst. Dass der Politiker 51 ist, sieht man ihm nicht an. Lieblings-Schwiegersohn, Werbe- Profi, Strahlemann: Der Vizepräsidenten-Kandidat der Demokraten hat die prickelnde Wirkung eines gerade entkorkten Champagners.

Das kann man von der Nummer eins, John Kerry, nicht unbedingt sagen. Auch bei Jubelanlässen zeigt der 60-jährige Senator von Massachusetts seine Freude mit gedämpftem Schaum. Als er am Dienstag in der Stahlstadt Pittsburgh seinen „running mate“ vorstellt, ballt er zwar die Hand zur Siegerfaust. Aber die Bewegung kommt langsam und gedehnt. Irgendetwas scheint Kerry immer zu bremsen. Politische Beobachter sehen in diesem Gegensatz der Körpersprache keinen Nachteil. „Edwards hat alles, was Kerry nicht hat – und umgekehrt“, betont David Gergen, der so unterschiedliche Präsidenten wie Ronald Reagan und Bill Clinton beriet.

Das klingt nach Erfolg. Doch auch Karl Rove, der große Polit-Stratege im Weißen Haus, hat sein Drehbuch bereits in der Schublade. George W. Bush und sein Vize Dick Cheney sollen als Duo in den Wahlkampf geschickt werden, das Erfahrung und Souveränität ausstrahlt. „Das sichere Anti-Terror-Ticket gegen die sozialpolitische Luftnummer der Demokraten“, lautet der Titel dieses Polit-Dramas.

Durch Kontraste zum Komplettpaket

Die Demokraten titeln anders, wie ein Werbespot zeigt, der seit gestern über die Fernsehschirme der Nation flimmert. Kerry erscheint darin im staatstragenden dunkelblauen Anzug und salutiert elegant. „Der eine ist ein Kriegsveteran mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Umgang mit den härtesten Themen für Amerika“, erklärt eine karamellweiche Stimme im Hintergrund. Dann werden Bilder eingeblendet, die Edwards – den früher auf Schadensersatzprozesse spezialisierten Anwalt – beim Gespräch mit Leuten aus dem Volk zeigen. „Der andere ist der Sohn eines Textilarbeiters, der sich sein Leben lang für normale Menschen im Kampf gegen mächtige Interessen eingesetzt hat“, heißt es im Kommentar. Ein „Dream-Team“, so lautet die Botschaft, das durch die Kontraste zu einem Komplettpaket wird: der souveräne Außenpolitiker und hoch dekorierte Vietnam-Offizier auf der einen, der spritzige Kommunikator mit sozialer Ader auf der anderen Seite. Jetzt wollen Kerry und Edwards in wichtigen Bundesstaaten wie Ohio, Florida oder North Carolina gemeinsam auf Tour gehen.

Nach ersten Umfragen scheint die Rechnung aufzugehen. 64 Prozent der Amerikaner bezeichnen Edwards’ Nominierung zum Vizepräsidentschaftskandidaten als gute Entscheidung, meldet der Fernsehsender CNN. Die Wahl von Cheney zum Stellvertreter von Bush hatten im Jahr 2000 nur 55 Prozent begrüßt. Edwards’ Trumpf: Er kommt bei unterschiedlichen Wählergruppen gleichermaßen an.

Experten warnen zwar davor, die Ernennung von Edwards überzubewerten. „Nach dem Zweiten Weltkrieg hat lediglich ein Vize-Kandidat zum Wahlsieg beigetragen: 1960 sorgte der Texaner Lyndon Johnson dafür, dass John F. Kennedy diesen Bundesstaat gewann“, unterstreicht Karlyn Bowman vom American Enterprise Institute, einer konservativen Denkfabrik in Washington. Dennoch kam Edwards mit seiner Warnung vor der Spaltung in „zwei Amerikas“ – dem der Privilegierten und dem Rest – bei den Vorwahlen Anfang des Jahres gut an. Die demokratischen Strategen hoffen nun, dass diese Melodie vor allem im Mittleren Westen zieht, wo seit 2001 Tausende Industriearbeiter-Jobs abgebaut wurden. In Staaten wie Ohio, Michigan oder Wisconsin – so lautet auch das Kalkül der Republikaner – werden die Wahlen entschieden.

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