Edouard Carmignac
„Deutschland kann Europa nicht alleine tragen"

Die Kritik des Investmentbankers Carmignac an „Monsieur le Président“ ist hart, undiplomatisch und öffentlich: Hollande schröpfe das eigene Land und verlange von Deutschland, Frankreichs junge Rentner zu finanzieren.
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ParisSo hat noch nie jemand einem Präsidenten die Leviten gelesen. Hart und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der französische Vermögensverwalter Edouard Carmignac, Chef des Investmenthauses Carmignac Gestion, schrieb Frankreichs Präsident François Hollande einen offenen Brief, der wie eine Gardinenpredigt wirkt - und Deutschland gegen Frankreich in Stellung bringt.

In dem Brief  adressiert an „Monsieur le Président“ nimmt der Investmentbanker Bundeskanzlerin Angela Merkel und Deutschland in Schutz. Ganz groß schaltete Carmignac, der an der vornehmen Place Vendôme in Paris residiert und es sich als Vermögensverwalter als Ziel gesetzt hat, Vermögen langfristig zu sichern, den Brief als Anzeige in deutschen Zeitungen wie dem Handelsblatt und der FAZ, aber auch in der Financial Times, Le Monde sowie Zeitungen in der Schweiz und Italien.

Ein ganzes Land werde geschröpft, um das Überleben eines überholten Gesellschaftsmodells zu gewährleisten und dann wolle Hollande auch noch die deutschen Nachbarn zur Kasse bitten, schreibt der bankenunabhängige Vermögensverwalter Carmignac, der sich einen Namen machte, weil er auch in rauen Börsenzeiten mit Aktien Geld verdiente. „Warum sollten die Deutschen auch einem Beitrag zur Finanzierung des Ruhestandes ab 60 Jahren in Frankreich zustimmen, wo doch ihr eigenes Rentenalter selbst gerade bis auf 67 Jahre angehoben wurde“, fragt er.

Es sei politisch nicht vertretbar, von Deutschland eine Unterstützung für den Erhalt sozialer Errungenschaften einzufordern, welche sich das Land selbst nicht zugesteht. Es sei unrealistisch zu erwarten, dass Deutschland alleine die Last eines Europas, das weit über seine Verhältnisse lebt, tragen könnte.

Carmignac bezeichnet die Maßnahmen Hollandes als „eine Anhäufung von verhängnisvollen Drohungen“ und verurteilt die Steuerpolitik der Sozialisten als „enteignendes Steuerwesen“, das die Unternehmen aus dem Land treibt. Er bezieht sich darauf, dass Hollande Einkommen über eine Millionen Euro im Jahr mit 75 Prozent versteuern will und Verdienste über 150.000 Euro mit 45 Prozent.

Der Fondsmanager Carmignac hatte schon einmal einen offenen Brief geschrieben, der für viel Aufsehen sorgte. Vor einem knappen Jahr ließ er wenig charmant Dampf gegen den ehemaligen EZB-Chef Jean-Claude Trichet ab: "Sie haben die Krise unterschätzt", warf er dem Notenbanker vor. „Machen Sie´s gut. Sie werden ganz sicher nicht vermisst werden.“ Dieser Brief sah dem jetzigen Schreiben gegen Hollande von der Form sehr ähnlich.

Im aktuellen Schreiben heißt es, Hollandes Projekt sei zum Misserfolg verdammt, es lauge Frankreich aus und setze Europa aufs Spiel. Er forderte deshalb mutige Reformprogramme und appelliert zum Schluss an Hollande: „Sie stehen vor einem furchtbaren Dilemma. Ich hoffe in unser aller Interesse, Sie treffen die richtige Entscheidung.“

Kommentare zu " Edouard Carmignac: „Deutschland kann Europa nicht alleine tragen" "

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  • Carmignac tut nichts anderes, als im Interesse seiner betuchten Klientel gegen eine durchaus gerechtfertigte höhere Besteuerung der Unternehmen und Spitzenverdiener zu feuern, welche weltweit massiv Vermögen von der weniger glückseligen Mehrheit abgeschöpft haben. Die sogenannte Elite ist nur noch vom Erhalt ihres Vermögens um jeden Preis besessen. Hollande kann freilich nur gewinnen, wenn die Erkenntnis, daß es jetzt reicht, auch in anderen Staaten durchsetzt, und den Multinationalen ihre Niedrigsteuer- und Niedriglohnparadiese wegbrechen. Über kurz oder lang wird das Faß überlaufen, daran ändert auch Carmignac keinen Deut.

  • Die Politik in Europa (und nicht nur dort) hat jahrzehntelang Geschenke an Wähler verteilt, die samt und sonders auf Pump finanziert waren. Die Krise, die heute insbesondere von Ideologen als von den Banken verursacht dargestellt wird, ist tatsächlich eine waschechte Staatsschuldenkrise! Ohne eine Reduzierung der Staatsschulden lässt sich diese Krise langfristig nicht beseitigen. Dazu gehört sparen, sparen, sparen und - da damit alleine der Zinsdienst nicht geleistet werden wird können: Inflation. Das wird zwangsläufig dazu führen, dass es in den Sozialstaaten für die Schwachen ungemütlicher wird. Die "Reichen" werden es zwar bequemer haben, aber inflationsbedingt mit schrumpfendem Vermögen beteiligt.

  • @Popper
    Sie bezichtigen die Banken zu einseitig. Natürlich sind die Banken (Investmentbanken) zu einem immensen Teil mitschuldig. Aber dazu gehören auch die Politiker, die den Staat repräsentieren - also die Staaten. Sie haben sich mit Hilfe und auch zu Lasten der Banken immer höher verschuldet, um ihren Wählern und Freunden (Lobbyisten) satte Geschenke zu bieten. Das sollten Sie bei Ihrer durchaus korrekten Bankenschelte nicht vergessen. Beide Spieler haben daran ihren Anteil.

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