Eduardo Catroga: „Die Unternehmen leiden unter einer Kreditklemme“

Eduardo Catroga
„Die Unternehmen leiden unter einer Kreditklemme“

Portugals Wirtschaftskrise wird durch Vorgaben der Troika verschärft, sagt der Ex-Finanzminister Eduardo Catroga im Handelsblatt-Interview. Viele Unternehmen litten unter einer Kreditklemme.
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Handelsblatt: Herr Catroga, kommt die Sanierung Portugals voran?

Eduardo Catroga: Die Regierung ist voll im Plan in der Umsetzung des Programms, sowohl in der Haushaltskonsolidierung als auch bei den Strukturreformen. Auch das Bankensystem erfüllt die Auflagen. Aber damit die Wirtschaft wieder wächst, müssen einige Punkte des Troika-Programms nachjustiert werden, vor allem in Bezug auf die Finanzierung der Wirtschaft.

Konkret?

Zum einen hat die Troika die Verpflichtungen der Regierung gegenüber den Staatsunternehmen nicht berücksichtigt. Allein die Verschuldung des Transportsystems liegt bei fast zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, sie wird erst seit kurzem statistisch zur Staatsverschuldung gerechnet. Unter den aktuellen Marktbedingungen können die Staatsunternehmen sich nicht am internationalen Markt finanzieren, diese Aufgabe mussten der Staat und die Banken übernehmen. Das war eine große Last für die Banken und belegt Ressourcen, die im produktiven Sektor dringend gebraucht werden.

Wo sollte die Troika noch nachbessern?

Das andere Problem ist die Auflage, dass die Banken im Rahmen des Programms ihr Verhältnis von Krediten zu den Einlagen von rund 160 Prozent auf 120 Prozent senken müssen. Sie haben viele langfristige Kredite ausstehen und jetzt zu wenig Kapazitäten für neue Kredite an Unternehmen.

Wird Portugal, wie im Rettungsprogramm angenommen, ab Ende 2013 wachsen?

Ich glaube, dass die Wirtschaft sich erholen und nachhaltig wachsen kann. Aber dafür müssen wir nicht nur das Wirtschaftsmodell graduell ändern, sondern brauchen auch eine mittel- und langfristige Unternehmensfinanzierung.

Der Kreditmangel ist also die größte Bremse?

Viele Unternehmen verbessern ihre Wettbewerbsfähigkeit und steigern den Mehrwert ihrer Produkte. Aber wir brauchen mehr erfolgreiche Firmen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Dafür brauchen sie Kredite. Es wird lange dauern, bis die Banken wieder Zugang zu mittel- und langfristigen Krediten am Kapitalmarkt bekommen. Das heißt, sie können auch für lange Zeit keine mittel- und langfristigen Unternehmenskredite geben.

Wie lässt sich das Problem lösen?

Leider gibt es in Portugal keine Entwicklungsbank wie die deutsche KfW. Dafür müssen die Regierung und die Troika, die EZB, die portugiesische Zentralbank, die Europäische Investment-Bank und andere kooperieren. Insgesamt brauchen wir eine mehr interventionistische Politik, ein strategisches, über sechs Jahre laufendes Wachstumsprogramm, als Ergänzung zu Reformen und Konsolidierung.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin

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