Nach den USA hat jetzt auch China ein eigenes Programm zur Eindämmung klimaschädlicher Treibhausgase vorgelegt. Das klingt gut, jedoch: In der Volksrepublik ist die Verschwendung von Ressourcen besonders groß. Der Handelsblatt China-Korrespondent hat sich im Reich der Mitte vor Ort umgesehen.
PEKING. Unermüdlich rattern draußen die Fließbänder, bringen Kohle in das Kraftwerk. Drinnen brummen zwei große 900-Megawatt-Blöcke im Dauerbetrieb. Chinas Aufschwung braucht Strom, viel Strom. Und Waigaoqiao II liegt direkt an der Jangtse-Mündung, vor den Toren Schanghais. Das Kraftwerk deckt 10 Prozent des Energiebedarfs der 20-Millionen-Metropole ab.
15 000 Tonnen Kohle verschlingen die Hochöfen von Waigaoqiao II pro Tag. Kohle ist Chinas Stromquelle Nummer eins. Rund 70 Prozent ihrer Energie gewinnt die Volksrepublik aus dem fossilen Brennstoff, der ungefiltert in die Luft verbrennt. Die Folgen sind bekannt: China wird schon bald die USA beim Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen überrunden. Doch daran ist Waigaoqiao II nicht Schuld. Was hier in die Luft gehe, werde genau kontrolliert, sagt Tang Jian Ping, einer der Chefingenieure: „Alle Gase werden analysiert.“
Und die hochmoderne Anlage arbeite sehr effektiv, betont Wolfgang Kriesten, Manager des Siemens-Konzerns, der die Turbinen nach China geliefert hat: „Waigaoqiao II verbraucht fast ein Viertel Kohle weniger als herkömmliche Kraftwerke.“ Während Chinas Dreckschleudern eine Effizienz von 30 Prozent schaffen, wird in Waigaoqiao bereits die Marke von 50 Prozent angepeilt. Der richtige Einsatz der Ressourcen werde zur Schlüsselfrage für Chinas Rolle in Sachen Klimawandel, meint Rob Watson, Chairman des Energieberaters American Indotech: „Effizienz ist Chinas größte Energiequelle.“
Denn bislang sorgt das Reich für Verschwendung pur: Um einen Dollar vom Bruttoinlandprodukt (Bip) zu produzieren, braucht China 3,5 mal so viel Energie wie der Weltdurchschnitt. Auch Umweltorganisationen sehen in Sachen Energieeffizienz ein Riesenpotenzial in China. „Vor allem ist dieser Schritt am schnellsten umsetzbar“, sagt Yang Ailun, Klimaexpertin von Greenpeace China. Allerdings sei dafür moderne Technologie notwendig, die China nicht besitze und die viel Geld koste.
Darum, so die Experten, quillt weiter in China überall giftiger Rauch aus den Fabrikschloten. Und die lokalen Behörden nähmen den Klimaschutz noch immer nicht ernst genug, klagt das Umweltministerium in Peking. Die Zentralregierung wird darum härter durchgreifen, so Zhao Xiusheng, Experte der Tsinghua Universität in Peking: „Sie wird Firmen mit Strafen belegen, die die lokalen Vorgaben der Energieeffizienz nicht erfüllen.“
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Denn Chinas Führung hat sich selbst mächtig unter Druck gesetzt. „Wir werden bis 2010 den Energieaufwand pro BIP-Einheit um 20 Prozent reduzieren“, hatte Regierungschef Wen Jiabao im vergangenen Jahr angekündigt. Am Montag erklärte China, die klimaschädlichen Industrie-Emissionen von Lachgas sowie der Kohlendioxid-Ausstoß sollen deutlich gesenkt werden. Denn bislang fällt Chinas Bilanz ernüchternd aus. Im vergangenen Jahr hat China fast alle grünen Ziele verfehlt. Auch in den ersten drei Monaten dieses Jahres konnte der Energiehunger der Industrie nicht wie geplant gezügelt werden, nahm der Verbrauch laut Umweltbehörde sogar weiter stark zu.
Als größte Herausforderung für den sinnvollen Einsatz der Ressourcen werden jedoch nicht nur Chinas Kraftwerke und Fabriken gesehen, sondern vor allem der anhaltende Bauboom im Reich der Mitte. In den kommenden zwanzig Jahren werden in China 300 bis 400 Millionen Menschen vom Land in die Stadt ziehen – eine wahre Völkerwanderung. Die Zunahme von Wohnraum sorge schon heute für den größten Zuwachs beim Energieverbrauch, sagt Berater Watson: „Die Folgen der Autonutzung in China sind gewaltig, aber im Vergleich zu den Gebäuden ist das nichts.“ Häuser verschlingen nach seinen Angaben 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in China.
Überall im Riesenreich werden neue Städte aus der Erde gestampft. „Wir können diese Expansion nicht befürworten, uns fehlen einfach die Ressourcen“, sagt Jiang Yi, Vize-Chef der School of Architecture an der Tsinghua Universität. Das Bauministerium in Peking fordert zwar, dass neue Gebäude die Energieeffizienz um 50 Prozent verbessern müssen. Doch die Vorgabe bleibt eher vage. Zwar gelten in China inzwischen so strenge Bauvorschriften wie in Amerika, sagt Watson: „Aber die Durchsetzung ist ein Problem.“ Und die Bauherren in der boomenden Republik setzen auf Tempo denn auf Nachhaltigkeit.
Das ist auch die Erfahrung von Architekt Jan Benda, seit 15 Jahren in Schanghai aktiv: „In China wird auf Volumen gebaut.“ Und ein Immobilienentwickler in Peking räumt ganz offen ein: „Für uns spielen Umweltaspekte überhaupt keine Rolle.“ Doch das kann sich mit steigenden Energiekosten ändern. Der Energieverbrauch in Chinas Gebäuden lasse sich mit richtiger Dämmung halbieren, sagt Ulrich Deutschmann, Manager des Münchner Chemiekonzern Wacker in Schanghai. „Das geht einfach, kostengünstig und ist sehr effektiv.“
Großer Markt für Renovierungen
Wacker hat angekündigt, eine zweite Fertigung für ein Wärme dämmendes Dispersionspulver in China zu errichten. Nicht nur bei Neubauten, auch bei Renovierungen sieht der Konzern einen großen Markt. Nach einer Studie der Immobilienfirma Jones Lang LaSalle verfehlen 80 Prozent aller chinesischen Gebäude die Anforderungen zur Energieeffizienz. In Schanghai verbraucht im Sommer allein die Raumkühlung 40 Prozent des städtischen Energiebedarfs.
Doch es geht auch anders. In einem unscheinbaren Gebäude an der YuYuanTan NanLu im Zentrum Pekings ist es bei Gluthitze angenehm kühl und bei Frost kuschelig warm. „Dabei verbraucht dieses Haus 72,3 Prozent weniger Energie als andere Gebäude“, sagt Yang Guoxing, der Chinas Öko-Haus als Projektleiter des Wissenschaftsministeriums begleitet hat. Dreifach verglaste Fenster, isolierendes Lavagestein sowie Sonnenkollektoren auf dem Dach, Toilettenspülungen ohne Wasser, eine umweltfreundliche Kühlanlage im Keller und andere Öko-Installationen machen es möglich.
China hat inzwischen etliche solcher Vorzeigeprojekte. Doch es werde noch Jahre dauern, bis sich eine bessere Energiennutzung durchsetzen wird, ist Berater Watson skeptisch. In der Bevölkerung fehle es am Umweltbewußtsein, der Industrie fehle die Technologie, der Politik der Wille. Und Chinas Bedarf ist einfach unermeßlich. Das Land erklärte am Montag, es wolle den CO2-Ausstoß durch den Ausbau von Wasser- und Atomkraft sowie durch effizientere Kohlekraftwerke reduzieren. Doch im Jahr 2030 wird der Anteil der Kohle an Chinas Stromererzeugung noch immer mehr als 60 Prozent betragen. Waigaoqiao II ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

