Ehefrau zweifelte nicht an Vergiftung
Ermittlungen wegen Mordversuch an Juschtschenko

Der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko leidet an einer Dioxin-Vergiftung. Daran bestehe "kein Zweifel", teilte die Wiener Privatklinik «Rudolfinerhaus» mit. Nun ermitteln die ukrainischen Behörden.

HB BERLIN. Der Generalstaatsanwalt der Ukraine will dem Verdacht nachgehen, der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Viktor Juschtschenko sei vergiftet worden. Er habe neue Ermittlungen aufgenommen, berichtet die russische Nachrichtenagentur Interfax.

Anlass für die Ermittlungen seien die Untersuchungsergebnisse der Wiener Privatklinik «Rudolfinerhaus». Die Experten hatten am Samstag mitgeteilt, dass «kein Zweifel» daran bestehe, dass Juschtschenko mit Dioxin vergiftet worden war. Die medizinischen Nachuntersuchungen der letzten 24 Stunden hätten dies eindeutig belegt, sagte Klinik-Chef Michael Zimpfer.

Über eine mögliche Vergiftung des ukrainischen Präsidentschaftskandidaten, der gegen den Russland-treuen früheren Premier Viktor Janukowitsch im Rennen um das höchste Amt im Staat angetreten war, wurde seit Wochen spekuliert. Juschtschenkos Gesicht ist von Narben entstellt, was eine mögliche Chlorakne vermuten ließ.

Zimpfer sagte, in Blut und Gewebe des Politikers seien Dioxinwerte festgestellt worden, die rund 1000-fach über dem Normalwert gelegen hätten. Die dafür nötige Menge, eine Dosis im Milligramm-Bereich, könne relativ einfach in einer Suppe verabreicht werden, sagte der Arzt.

Die Untersuchungen ergaben laut Zimpfer, dass Juschtschenko das Dioxin über den Mund zu sich genommen habe. Darauf wiesen die Schäden im Verdauungstrakt hin. Ob Juschtschenko das Gift «gegessen oder getrunken hat, ist nicht herauszuarbeiten und macht auch keinen Unterschied», sagte der Arzt. Eine etwas höhere Dosis hätte zum Tod des Politikers führen können.

«Wir schließen ab mit der Zusatzdiagnose 'Verdacht auf Fremdverschulden'», sagte Zimpfer. Er betonte, dass die kriminellen Ermittlungen nicht die Angelegenheit der Ärzte sei.

Juschtschenkos Ehefrau Katarina sagte, schon vor der Veröffentlichung der Diagnose nicht daran gezweifelt zu haben, dass ihr Mann vergiftet worden sei. Schon vor seiner Erkrankung im vergangenen September habe er ebenso wie jetzt Drohungen bekommen, «weil es viele Leute gibt, die meinen Mann und die Veränderungen, die er der Ukraine bringen würde, als eine große persönliche Bedrohung sehen».

Katarina Juschtschenko sagte, sie habe an dem Abend, an dem ihr Mann vergiftet worden sein soll, einen metallisch-medizinischen Geschmack wahrgenommen. «In der Nacht, in der mein Mann nach Haus kam, fühlte ich, dass an seinem Atem etwas komisch war.»

Als sie ihn darauf angesprochen habe, habe ihr Mann abgewehrt, sagte Katarina Juschtschenko dem US-Fernsehsender ABC. «Aber am nächsten Tag wurde er krank, und in den darauf folgenden zwei oder drei Tagen wurde es immer schlimmer, bis wir ihn ganz schnell ins Krankenhaus bringen mussten.»

Möglicherweise im Zusammenhang mit den Untersuchungen Juschtschenkos will der ärztliche Leiter des «Rudolfinerhauses», Lothar Wicke, seinen Posten aufgeben. Das berichtet die Tageszeitung «Die Presse». «Am Sonntag gehe ich», wird Wicke von der Zeitung zitiert. Als Grund habe er «Arbeitsüberlastung» angegeben, so die Zeitung. In Ärztekreisen werde jedoch vermutet, dass ein Zusammenhang mit der möglichen Vergiftung des ukrainischen Präsidentschaftskandidaten besteht.

Im Zuge der Behandlung Juschtschenkos sei es zu internen Querelen gekommen, heißt es in dem Zeitungsbericht weiter. Schon in den Vorwochen seien im «Rudolfinerhaus» unterschiedliche ärztliche Dokumente über Juschtschenkos Krankheitsbild kursiert. Gegen Wicke hatte es auch anonyme Drohanrufe gegeben, nachdem er sich über den Fall Juschtschenko geäußert hatte. Wicke erhielt daraufhin Personenschutz.

Juschtschenko kam Freitag Abend zu medizinischen Nachuntersuchungen wieder nach Wien. Schon im September und Oktober war er wegen rätselhafter Beschwerden im «Rudolfinerhaus» behandelt worden. Behandelnde Ärzte waren Klinik-Chef Zimpfer und der ukrainische Chirurg Nikolai Korpan. Korpan sagte Anfang der Woche der «Times», man könne sicher von einer Vergiftung ausgehen; zwei Tage später widerrief er jedoch diese Aussage.

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