Ein Abend in Paris
Gebete, Tränen – und Angst

Die Terroranschläge haben Paris verändert: Attentäter töten Menschen, die sich auf einen geselligen Abend mit Freunden gefreut haben. Die Botschaft: Es hätte jeden von euch treffen können. Eindrücke von den Tatorten.

ParisDer Platz vor dem Musikklub Bataclan ist abgesperrt. Zwischen zwei Mannschaftswagen der Polizei leuchtet der altertümliche Schriftzug der bekannten Konzerthalle immer dann auf, wenn das Blaulicht der Streifenwagen auf das dunkle Gebäude fällt. Vor den Metallgittern ein Meer von Kerzen, Blumen, zumeist Rosen, weiß und rot. „Wir vergessen euch nicht“, steht auf einem Zettel zu lesen. „Pray for Paris“, auf einem anderen. Eine brasilianische Flagge liegt über einer polnischen. Und natürlich überall die Farben der französischen Trikolore.

Obwohl viele Menschen an den Gittern stehen, immer wieder Leute nach vorne kommen, eine Kerze entzünden und die Polizisten beobachten, die mit Maschinenpistolen vor dem Bataclan patrouillieren, liegt eine beklemmende Stille über dem Platz. Zu hören sind nur die Generatoren der vielen Fernsehteams- und Übertragungswagen, die vor dem Haus Stellung bezogen haben, an dem am Freitag Abend mindestens 80 Menschen gestorben sind.

Es ist, als liefe das Leben in den Straßen der französischen Hauptstadt, in denen vor 24 Stunden sieben islamistische Attentäter mehr als 129 Menschen getötet haben, auf Standby. Vor allem die Tatsache, dass die Attentäter scheinbar wahllos Leben auslöschten, – Leute, die der amerikanischen Rockband „Eagles of Death Metal“ zuhörten, genauso ermordet wie Pärchen, die sich zum Essen trafen oder Freunde, die ins Kino gingen – verstört die Menschen in Paris. Und treibt sie an die Tatorte des Grauens.

„Sie haben sich Menschen ausgesucht, die feierten, die am Wochenende ausgingen und an einen milden Abend noch einmal auf der Terrasse saßen", sagt Sybille Bebermeyer. Die Deutsch-Französin blickt gefasst auf die Fassungslosen, die Blumen ablegen, beten und weinen.

Immer wieder streicht sie sich die weißgrauen Haare aus dem Gesicht und schüttelt den Kopf. Bei dem Attentat auf die Redakteure von Charlie Hebdo habe man aufgrund der Mohammed-Karikaturen noch eine kranke, verquere Logik erkennen können, aber das hier „ist eine Stufe gefährlicher und gemeiner.“ Für die 70-Jährige, die seit mehr als 40 Jahren in elften Arrondissement lebt, ist der Terroranschlag ein Angriff auf das Lebensgefühl – von Paris, Frankreich und der ganzen westlichen Welt.

Nur wenige Hundert Meter weiter schlugen die Kugel der Mörder in das Café Bonne Biére ein. Unter den Löchern kleben Zettel der Kriminalpolizei, daneben hängt noch eine Speisekarte. César Salad, Tartare und Croque Monsieur gab es an dem Abend, als der Terror kam.

Die Tische hinter den zersplitterten Scheiben sind noch nicht abgeräumt, dreckiges Geschirr liegt auf dem Boden, umgefallene Weingläser auf den Tischen darüber. Zwischen die Blumen hat ein Passant eine Taschenbuchausgabe von Albert Camus' Essaysammlung „Der Mensch in der Revolte“ gelegt – die Trauergabe hätte nicht passender gewählt sein können, kam der Philosoph doch in diesen Überlegungen zum Schluss, dass mit Fanatikern nicht zu diskutieren ist.

Neben dem Café auf dem Bürgersteig sind einige Bodenplatten mit einem Baustellenband abgesperrt, Blumen liegen in dem kleinen Rund, Kerzen und ein handgeschriebener Zettel, darauf die Worte: „Hier ist ein Mensch gestorben, respektiert den Ort.“

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