Ein Land am Abgrund
Mein Jahr in Griechenland

2015 war ein Entscheidungsjahr für Griechenland. Um ein Haar wäre das Land aus der Euro-Zone geflogen. Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler hat es am eigenen Leib miterlebt. Seine Erlebnisse im vergangenen Jahr.

AthenFreitag, 2. Januar: Für meinen Nachbarn Theofilos beginnt das neue Jahr nicht gut. Ich treffe ihn im Aufzug. Er hat die Nummernschilder seines Autos unter dem Arm. Mit den abgeschraubten Kennzeichen ist er auf dem Weg zum Finanzamt, um sein Auto abzumelden. „340 Euro Autosteuer soll ich für 2015 zahlen – ich habe das Geld nicht“, sagt Theofilos. Seit einem Jahr ist der 38-Jährige arbeitslos und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Jetzt kauft er sich eine Monatskarte der Athener Verkehrsbetriebe, für 30 Euro. Seit 2010 haben mehr als eine Million Griechinnen und Griechen ihre Autos stillgelegt. Weil es nur wenig Garagen gibt, sind Autos ohne Nummernschilder am Straßenrand inzwischen ein gewohnter Anblick in Athen.

Sonntag 25. Januar: Alexis Tsipras bahnt sich vor dem Säulenportal der Athener Akademie einen Weg durch ein Meer jubelnder, fahnenschwenkender Anhänger. Sein Linksbündnis Syriza hat die Wahl gewonnen. „Griechenland hat eine neue Seit aufgeschlagen“, ruft er der Menge zu. Das Land lasse nun „das Spardiktat und die Angst hinter sich“. Die Kreditverträge mit den internationalen Geldgebern werde er „zerreißen“, die verhasste Troika für immer aus Griechenland vertreiben, hatte Tsipras im Wahlkampf versprochen. Mal sehen.

Donnerstag, 5. Februar: Als sich an diesem Donnerstagabend mehrere zehntausend Menschen über die sozialen Netzwerke auf dem Athener Syntagmaplatz verabreden, kommt auch Petros Diamantis. „Die Regierung braucht jetzt unsere Unterstützung, deshalb bin ich hier“, sagt er. Aus dem Arbeitervorort Aspropyrgos, wo er als Schweißer arbeitet, ist der 53-jährige in die Stadt gefahren. „Jetzt hat das Volk das Wort“, sagt Petros stolz. Eine Demo für die Regierung auf dem Syntagmaplatz, daran kann ich mich in meinen 36 Griechenlandjahren nicht erinnern. Immer wieder ertönen an diesem Abend auch Sprechchöre für Yanis Varoufakis, den neuen Finanzminister, der gerade auf dem Rückflug aus Berlin ist, von seinem ersten Treffen mit Wolfgang Schäuble. Varoufakis ist nach Tsipras der populärste Politiker der neuen Regierung.

Samstag, 28. Februar: Wochenlang habe ich mich um ein Interview mit Varoufakis bemüht. Unzählige E-Mails, Telefonate mit meinem griechischen Kollegen Dimitris Giannopoulos, der für Varoufakis die ausländische Presse betreut, immer wieder Besuche im Ministerium – ein mühsames Geschäft. Dann geht alles plötzlich ganz schnell. Gegen elf Uhr an diesem Samstag ruft mich Dimitris an und fragt: „Kannst Du in einer halben Stunde hier sein? Der Minister will das Interview jetzt geben.“ Zum Umziehen bleibt mir keine Zeit, ich fahre in Jeans und Pullover zum Finanzministerium am Syntagmaplatz. Als die Sekretärin die Tür zum Ministerbüro öffnet, steht Varoufakis im Rahmen und hält mir die ausgestreckte Hand entgegen: „Hallo, ich bin Yanis!“ Auch er trägt Jeans und ein T-Shirt, seine schwarze Lederjacke liegt auf dem Sofa. Irgendwann im Lauf des Gesprächs sagt er: „Finanzminister – ich weiß noch gar nicht, ob ich den Job überhaupt kann!“ Diese Frage ist inzwischen beantwortet.

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