Ein Schatten bleibt
Freispruch für Andreotti im Mafia-Prozess

In einem Mafia-Prozess hat das oberste Gericht Italiens den siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti (85) endgültig freigesprochen. Damit endet nach über zehn Jahren einer der spektakulärsten Polit-Prozesse in Italien.

HB ROM. Andreotti, der wie kein anderer Politiker Aufstieg und Fall der italienischen Nachkriegs- Republik symbolisiert, war vor Erleichterung überwältigt: „Ich freue mich, dass ich das Ende des Prozesses erlebt habe.“ Schon vor einem Jahr war er in einem Mordprozess ebenfalls in dritter Instanz freigesprochen worden. Doch ganz „reingewaschen“ ist Andreotti nicht - auf das Urteil vom Freitag fällt ein Schatten.

„Jahrhundert-Prozess“, nannten die Medien das Mafia-Verfahren, das nach dem Zusammenbruch der italienischen „Schmiergeld-Republik“ Anfang der 90er Jahre in Palermo begann. Die Beschuldigungen waren unglaublich: Andreotti habe dafür gesorgt, dass angeklagte Mafia- Bosse mit Milde behandelt wurden, im Gegenzug hätten die „Paten„ in Sizilien für Wählerstimmen für seine Christdemokraten gesorgt. Mehr noch, angeblich soll der tiefgläubige Andreotti, der jeden Tag zur Frühmesse geht, dem „Bosse der Bosse“ als Zeichen der Ehrerbietung einen Wangenkuss gegeben haben. „Abstieg in das Leichenschauhaus der Demokratie“, nannten das die Staatsanwälte. Die Anklage hatte nur einen Haken: Sie stützte sich ausschließlich auf Aussagen von Mafia- Gangstern.

Doch einen Schönheitsfehler hat auch das Urteil vom Freitag. Das Kassationsgerichts bestätigte zwar den Freispruch, doch zugleich auch das Verdikt aus zweiter Instanz, wonach Andreotti der Mafia bis 1980 mit „freundschaftliche Bereitschaft“ begegnet sei. Nur sei dies eben verjährt. „Die Geheimnisse bleiben weiter bestehen“, meinte denn auch der Staatsanwalt vor dem Kassationsgericht. „Aber es gibt keine Beweise.“ Gerade diesen letzten Verdacht wollte Andreotti aber loswerden.

Der alte Mann hat schwer gelitten in den vergangen Jahren. Über Nacht wurde er zum Inbegriff von Machthunger und Skrupellosigkeit. Das hinderte ihn zwar nicht daran, weiter an Talk-Shows teilzunehmen, auch blieb er Senator, veröffentlichte eine katholischen Zeitung. Im Vatikan ging er ein und aus. Nur seine Lippen wurden immer dünner, sein Gang immer gebückter - für Karikaturisten war er der Beelzebub. „Ich habe immer gut schlafen können“, sagte er am Freitag nicht ohne Verbitterung, „andere vielleicht nicht“. Andreotti fühlte sich stets zu Unrecht angeklagt.

Wenigstens seinen Zynismus hatte sich Giulio Andreotti auch in dunkelsten Stunden bewahrt. Etwa als ein Gericht ihn Ende 2002 in Perugia in zweiter Instanz wegen Anstiftung zum Mord zu 24 Jahren Haft verurteilte. „Dass mir die Richter 24 Jahre geben, kann ich nur als gutes Omen für ein langen Leben werten“, höhnte der 83- Jährige damals. Angeblich hatte er einen missliebigen Journalisten beseitigen lassen. Doch in dritter Instanz gab es auch hier einen Freispruch, wieder waren die Zeugen fast alle Mafiosi gewesen.

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