Einbürgerung
Die Niederlande verlangen bereits einen Test

Die Niederlande waren Deutschland schon immer etwas voraus: Ex-Kanzler Gerhard Schröder wollte einst das Poldermodell kopieren, um den Arbeitsmarkt zu reformieren. Die Kinderbetreuung gilt im Nachbarland als vorbildlich. Und auch bei der Steuerung der Einwanderung sind die Holländer den Deutschen einen Schritt voraus: Was in Deutschland noch kontrovers diskutiert wird, ist in den Niederlanden seit Mittwoch Realität: Einwanderer müssen – sogar noch vor ihrer Ausreise aus dem Heimatland – einen Einbürgerungstest bestehen. Sonst dürfen sie erst gar nicht einreisen.

AMSTERDAM. Der Test war die Idee von der rechtsliberalen Integrationsministerin Rita Verdonk und wurde vor einigen Wochen vom Den Haager Parlament für gut befunden. Bisher waren lediglich Sprachkurse im Land für die Einwanderer verpflichtend. Jetzt müssen sie die bereits mitbringen, wenn sie in die Niederlande einreisen wollen.

350 Euro kostet der Test. Die sind natürlich vom Einwanderer selbst zu bezahlen. Den Test müssen alle Kandidaten zwischen 16 und 65 Jahren machen – völlig egal, ob sie einen Niederländer heiraten oder als Imam in einer Amsterdamer Moschee arbeiten wollen. „Wir erwarten von den Menschen, die hier her kommen, dass sie sich integrieren. Und das geht eben viel besser, wenn sie unsere Sprache beherrschen“, sagt Ministerin Verdonk.

Ähnlich wie von den Ministern in Baden-Württemberg und Hessen angedacht, besteht der niederländische Test aus zwei Teilen: Die Einwanderungswilligen müssen sowohl die Sprache, als auch Sitten und Regeln der niederländischen Gesellschaft kennen. Dazu gehört die Bedeutung von Wilhelm von Oranien genauso wie die Dauer einer Zugfahrt von Amsterdam nach Enschede. Aber die Integrationsministerin will auch wissen, ob man Tee mit kaltem oder warmem Wasser zubereitet. Verdonk hat – bis auf die Parteien am linken Rand – von allen politischen Kräften Zustimmung bekommen. Widerspruch gab es lediglich von den Grünen und einigen Wissenschaftlern: „Niemand kann lernen, sich in einem Land zu recht zu finden, indem er einen Test macht“, meint André Krouwel, Soziologe an der Freien Universität Amsterdam. Aber damit steht er im Polderland ziemlich alleine da. Denn Integration bedeutet in den Niederlanden spätestens seit dem Mord an dem islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 vor allem Gesetze gegen radikale Muslime und für eine starke, niederländische Leitkultur.

Auch die oppositionelle Partij van de Arbeid hatte dem neuen Test zugestimmt. „Es ist richtig, dass sich Einwanderer auf ihr neues Leben vorbereiten müssen“, meint Sozialdemokrat Jeroen Dijsselbloem.

Damit der Test auch gelingt, hat die niederländische Regierung Lernmaterial erarbeiten lassen: Mit Hilfe eines Buches und eines Videos sollen vor allem Muslime das Leben in den Niederlanden kennen lernen, bevor sie dort überhaupt angekommen sind.

Auf dem Video sind zum Beispiel homosexuelle Paare zu sehen, die sich innig küssen. Das hatte zu Protesten in der muslimischen Gemeinschaft geführt. Seitdem gibt es auch eine „keusche“ Fassung des Videos. Aber Jeroen Dijsselbloem weist auch diese Kritik zurück: „Hier in den Niederlanden ist es eben normal, dass Männer Hand in Hand laufen oder die Leute oben ohne Sonnenbaden“, sagt er.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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