Eine neue Weltordnung
Grenzen der Macht

Pluralismus, tiefschürfende Veränderungen, durchlässige Netze: Die Zeit der dauerhaften Stabilität ist vorbei. Regierungen und Unternehmen müssen in ihren Konzepten zum globalen Management umdenken und sich von überholten Denkschablonen trennen. Die Bedürfnisse haben sich – weltweit – verändert. So muss sich auch die G8 die Frage nach einer Existenzberechtigung gefallen lassen.

Der Tod von Boris Jelzin markiert den symbolischen Endpunkt der ersten Phase auf der Suche nach einer neuen Weltordnung nach dem Kalten Krieg. Sein Ableben ereignete sich, fast taggenau zehn Jahre nachdem die Hoffnungen auf eine Fortführung des bestehenden Nachkriegsmodells mit dem Beitritt Russlands in den Klub der führenden Industrienationen beim G7-Gipfel in Denver ihren Höhepunkt erreichten.

Jelzin wurde seinerzeit herzlich vom damaligen Gastgeber, Bill Clinton, in Anerkennung seiner Leistungen um die Integration der neu entstandenen Russischen Föderation zum Treffen der führenden Wirtschaftsnationen eingeladen. Ranghohe Wirtschafts- und Finanzpolitiker wie der damalige US-Finanzminister Robert Rubin waren allerdings der Auffassung, dass Russland noch nicht bereit für eine Managementrolle unter den westlichen Industrienationen sei. Andere hingegen vertraten die gegenteilige Meinung. Sie glaubten, die wachsende Rolle der G7-Staaten könnte nur durch einen Beitritt Russlands gesichert werden. Als Resultat wurde der jungen Republik eine Sonderrolle angeboten: Von den Wirtschaftsgesprächen blieb sie ausgeschlossen.

Unabhängig von diesem Schönheitsfehler gestaltete sich das Denver-Treffen positiv. Großbritanniens Premierminister Tony Blair präsentierte dort seine Vision des „Dritten Weges“, der die Kräfte des Marktes an ein soziales Bewusstsein binden sollte. Die Situation auf dem Balkan näherte sich einer Verhandlungslösung, und die New Economy nahm Fahrt auf. Russlands Finanzkrise lag noch zwölf Monate in der Zukunft, und so konnten die Anwesenden mit gutem Recht davon ausgehen, die Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg erfolgreich gemeistert zu haben. Sie waren überzeugt, dass die G7/8-Staaten die globalen Wirtschaftskoordinatoren des 21. Jahrhunderts werden würden.

Der Kontrast zwischen der Aufbruchstimmung in Denver und den Spannungen, die dem G8-Gipfel in Heiligendamm in diesem Jahr vorauseilen, könnte größer nicht sein. Er beweist, wie verfrüht die Erwartungen vor zehn Jahren gewesen waren.

Nach den Umbrüchen, die dem 11. September, dem Krieg im Irak und dem Kampf gegen den Terrorismus folgten, und mit den Herausforderungen, die der Klimawandel an uns alle stellt, ist auch die Frage nach der Daseinsberechtigung der G8 ständig lauter geworden. Wo bleiben China, Indien und Brasilien? Ist Putin ernsthaft an einer Partnerschaft interessiert? Wie kann diese Gruppe von Vertretern der Old Economy ernsthaft die Interessen der vielen neuen Spieler in einer globalisierten Wirtschaft zum Nutzen aller vertreten? Tausende von Demonstranten allerdings glauben immer noch, dass die G8 tatsächlich über den Einfluss verfügt, den sie bekämpfen müssten. Daher wurde Heiligendamm in eine Festung verwandelt.

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