Eine Spurensuche in Bagdads Amtsstuben
Mit der Macht kehrt auch die Vetternwirtschaft zurück

Das Büro von Abdelrahim al Helus ist bescheiden. Ein Schreibtisch, mitten im Eingang des einstöckigen Gebäudes im Stadtteil Saadoun, in der Innenstadt von Bagdad. Ein paar Mappen mit Formularen, kein Telefon. Montags hat der gelernte Apotheker al-Helu, ein kleiner Mann mit dem dunklen Fleck auf der Stirn, der vom Berühren des Bodens beim Beten herrührt, Dienst im Nachbarschaftskomitee seines Stadtviertels.

BAGDAD. „Unsere Komitees sind ein ganz neues System im Irak“, sagt al-Helu stolz: „Früher kamen die Entscheidungen von oben, heute gehen sie von unten nach oben.“

Am 30. Juni soll die Macht und die Verwaltung im Irak wieder an die Iraker übergehen. Doch diese Nachbarschaftskomitees bleiben bislang das sichtbarste Zeichen für die Demokratisierung des Iraks, die sich die Amerikaner auf die Fahne geschrieben haben. Die 88 Komitees wurden sofort nach Kriegsende unter US-Aufsicht gewählt. Ihre Mitglieder wählen die Vertreter für sechs Distrikt-Kommitees, die wiederum Vertreter in das so genannte Bagdad Advisory Council entsenden. Basisdemokratie nach amerikanischem Vorbild. Er besuche Krankenhäuser und Schulen, höre sich die Probleme der Bewohner an und leitet sie weiter, erzählt al-Helu von seiner Arbeit. Der Mann hält eine Broschüre in englischer Sprache hoch, in der Mitarbeiter der amerikanischen Zivilverwaltung CPA das neue System beschreiben. Doch in der Wirklichkeit hapert es noch.

Der Sprecher der Stadtverwaltung von Bagdad, der Amanat Bagdad, Jalil al-Abadi, schüttelt den Kopf: „Diese Leute verwechseln Demokratie mit Gesetzlosigkeit. Auf einem der Grundstücke der Stadt haben sie illegal Wohnhäuser errichtet. Dort wollten wir eine Pumpstation für die Wasserversorgung bauen. Andere benennen einfach die Schulen um, nach dem Sohn eines einflussreichen Scheichs. So geht das nicht.“ Aber die Stadtverwaltung ist machtlos, sie hat ein Jahre nach Kriegsende noch nicht einmal einen Bürgermeister.

Auch ein irakischer Berater der US-Zivilverwaltung, der sich in der Stadtverwaltung auskennt, ist skeptisch. „Die Nachbarschaftskomitees und das Beratungsgremium der Bürger sind ein reines Vorzeigeprojekt der Amerikaner“, urteilt der Mann, der nicht genannt werden will. Es gebe keine Verbindung der Gremien mit der Stadtverwaltung.

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