Einkommensschere in den USA
Der amerikanische Traum ist tot

Wer reich ist, bleibt reich. Wer arm ist, bleibt arm. Das Amerika von heute hat für Präsident Barack Obama ein fundamentales Problem, das sogar zur Gefahr für die Demokratie werden könnte.
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San FranciscoFür US-Präsident Barack Obama ist es wie der perfekte Sturm: Das Zusammenspiel aus extremer Ungleichheit bei den Einkommen und gesunkenen Chancen aus der Armut aufzusteigen, seien eine fundamentale Bedrohung für den „amerikanischen Traum“, erklärte er am Mittwoch im Center for American Progress im Südosten Washingtons. Eine Region, in der 45 Prozent der Bewohner unterhalb der Armutsgrenze leben. Was in den 70er Jahren noch gestimmt habe, so Obama, sei heute praktisch Utopie: „Einkommensungerechtigkeit und das Fehlen von Aufstiegschancen haben die klassischen Werte des Mittelstands zerstört“, fürchtet Obama. Sie lauteten: „Wer hart genug arbeitet, der hat die Chance voranzukommen.“

Das sieht heute anders aus. Wer reich ist, der bleibt reich und wer arm ist, arm. „Für ein Kind, das in die oberen 20 Prozent hineingeboren wird, stehen die Chancen an der Spitze zu bleiben bei zwei zu drei“, so Obama. Aber nur eines von 20 Kindern in den USA, die in die unteren 20 Prozent geboren werden, bekäme eine Chance aufzusteigen. Was die soziale Mobilität angehe, die Durchlässigkeit der sozialen Schichten, lägen die USA mittlerweile klar hinter Ländern wie Kanada, Frankreich und Deutschland zurück.

Erica Kisch von der Familienhilfe Compass in San Francisco kennt das Problem aus erster Hand. „Die Wartelisten für eine Notunterkunft für obdachlose Familien hier haben einen Rekordstand erreicht“, erklärt sie gegenüber dem Handelsblatt. Bis zu sieben Monate dauere es, bis ein Platz gefunden werde. Obdachlos bedeutet dabei noch lange nicht arbeitslos: „Ein alleinerziehender Elternteil mit zwei Kindern müsste in San Francisco drei Vollzeit-Mindestlohnstellen haben, um nur Miete und dringendste monatliche Kosten zu decken.“ Mit anderen Worten: einen 24-Stunden-Arbeitstag.

Obamas Rede kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die Popularität des Präsidenten auf neue Tiefststände gefallen ist. Das Debakel um die Online-Versicherungsbörse healthcare.gov, Millionen Amerikaner, die ihre Krankenversicherungen verloren haben, die NSA-Spitzelaffäre, all das hat seinen politischen Stern sinken lassen. Politische Beobachter sehen in den jüngsten Äußerungen einem Versuch, für den Rest seiner Amtszeit den stärkeren Schulterschluss mit seiner liberalen Stammwählerschaft zu suchen. Konkret fordert der Präsident eine Schließung von Steuerschlupflöchern, die es attraktiv machen Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern und höhere Investitionen in Infrastruktur wie marode Straßen und Brücken. Außerdem will er Verbesserungen im Schulsystem und eine Vorschulausbildung für alle Kinder. „Das“, so die Chefin der Non-Profit-Organisation Compass, Kisch, „ist besonders wichtig.“ In den USA bekämen arme Kinder in armen Stadtteilen auch nur eine schlechte Schulbildung. In armen Stadtteilen gibt wenig Grundsteueraufkommen, von denen ein Teil in das Schulsystem fließt. Ohne gute Bildung wiederum gibt es keine Jobs und keinen Aufstieg. „Das ist ein Teufelskreis“, so Kisch.

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Eine hohe Zahl weißer obdachloser Familien

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  • Den amerikanischen Traum gab es nie. "Vom Tellerwäscher zum Millionär" war immer schon absoluter Blödsinn.
    Wie sagte Volker Pispers so schön?
    "Jeder kann Millionär werden, aber eben nicht alle....immer nur einer."

  • @tokchii
    Obama, Bush, Clinton...
    sind doch alles nur Marionetten. Die Marionetten sind beliebig austauschbar, die Puppenspieler / Strippenzieher im Hintergrund sind seit Generationen die selben Familienclans!
    Das ist die Perversion der "amerikanischen Freiheit / Demokratie". Die breite Masse wird über die Medien perfekt gesteuert / verarscht.
    Darum kommt gute Bildung, in den USA, nur einer elitären Oberschicht zu Gute.
    Bildung für die Masse wäre für dieses System viel zu gefährlich. Das eigentlich schlimme daran ist, dass wir in Europa den gleichen Weg einschlagen.

  • Ich finde Obama kommt hier zu unrecht als Sündenbock der aktuellen Situation in den USA weg. Ihm werden Negativentwicklungen zugeschrieben, die eher sein Vorgänger verursacht hatte. Zum einen spielt der von Bush begonne und als "Blitzkrieg" propagierte Antiterrorkrieg, der ein völliger Fehlschuss war, eine nicht unbedeutende Rolle für die finanzielle Situation in den USA, da er eben kein Blitzkrieg wurde und seit ZEHN Jahren Unmengen Staatsgeld verschlingt. Zum anderen ist die niedrige Besteuerung von Superreichen und deren Steuervermeidung genannte Steuerhinterziehung ebenfalls ein Phänomen, dass durchaus eine längere Vorgeschichte hat als Obamas Amtszeit.
    Nicht zuletzt ist die Finanzkrise, die den "Tod des amerikanischen Traums" einläutete, vor seiner Amtszeit ausgelöst worden und sicher nicht von der damaligen Politik zu entkoppeln. Insofern sind also eher Republikanische, in Deutschland parallel Konservative, Vorstellungen und Handlungsmaximem verantwortlich für die jetzige Situation.
    Die Eintrichterung, wirtschaftliche Zwänge würden eine Senkung des Lohnniveaus für die Masse erforderlich machen, die Ansicht, Politik müsse den Reichen entgegen kommen und nicht zuletzt die wahnsinnige Vorstellung, die Arbeitskraft mancher wäre hundert und tausenfach mehr Wert als die erbrachten Leistungen anderer.
    Ich wünschte mir einen kollektiven Putzfrauenstreik für einen Monat. Die reichen und leistungsfähigen wären erstaunt, wie schnell sie in ihrem eigenen Dreck versinken würden, wenn diese Arbeitskräfte, deren Leistung finanziell betrachtet tausendfach weniger wert ist, als die eines tricksenden Anzugträgers, mal nicht zur Verfügung stünden. Oder einen Prostituiertenstreik. Dann wären die Egos der Managersparte sehr schnell auf normalem Niveau.

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