Einschätzungen des Finanzprofessors Siegel
"USA wird bald zur Hälfte China gehören"

Der Mann wirkt auf den ersten Blick eher schüchtern – halt so, wie als genial geltende Menschen oft wirken. Doch der erste Schein trügt. Der populäre Finanzwissenschaftler und Buchautor weiß seinen Wert sehr genau einzuschätzen. Und er hat eine genaue Vorstellung davon, wie die Welt in fünfzig Jahren aussieht: China spielt eine wichtige Rolle darin.

FRANKFURT/M. In seiner Heimat ist Jeremy J. Siegel, Professor für Finanzen an der Wharton School der Universität von Pennsylvania in den USA, ein gefragter Mann. Das Zusammentreffen mit dem umgänglichen Wissenschaftler in Salzburg ist eher Zufall. Hier nach Europa hat ihn die Spängler-Bank gelockt. Auch in der Alten Welt sollen Menschen aus erster Hand von seinen visionären Ideen erfahren.

Der Protagonist für Aktieninvestments – „Aktien sind das Nonplusultra der Kapitalanlage“ – gibt klare Antworten auf jene drängenden Fragen, die die Menschheit in den Industrieländern derzeit beschäftigen. Die Alterung der Gesellschaft in der westlichen Welt sieht er als die größte Herausforderung für das Weltwirtschaftssystem.

Siegels Thesen drehen sich vorrangig um die Frage, ob die Menschen in den Industrienationen ihren Lebensstandard auch über die nächsten Dekaden hinweg werden behaupten können oder ob ihnen angesichts der absehbaren wirtschaftlichen Übermacht Chinas der Rutsch in die Armut droht.

„Der Westen muss aufwachen“, sagt Siegel und richtet sich dabei auf, als wolle er die eigentliche Bedeutung seiner Worte durch seine Körpersprache unterstreichen. Was er damit meint, zeigt er an Schaubildern, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Im US-Fernsehen ist Siegel immer dann besonders gefragt, wenn es darum geht, dem Publikum komplexe ökonomische Themen möglichst einfach zu erklären. In diesen Dingen ist der Finanzwissenschaftler tatsächlich ein Meister – geduldig und in logischen Schritten zeigt er, wo die Probleme der Weltwirtschaft liegen.

Der Kern seiner Botschaft: Die Menschen müssen nicht nur länger, sondern auch effizienter arbeiten. In den USA klaffe die Schere zwischen der Lebenserwartung der Bürger und deren Eintritt ins Rentenalter heute sehr stark auseinander. Wolle man das Rentenalter auf aktuellem Niveau belassen, müsse die Zahl der Einwanderer in die USA in den nächsten 45 Jahren auf mehr als eine halbe Milliarde Menschen steigen - das wären weit mehr als die gegenwärtige Bevölkerungszahl der USA. Das erscheint wenig realistisch.

Siegels Problemlösung: „In der Geschichte der Menschheit haben die Alten ihr Vermögen immer an die Jungen verkauft.“ Die USA müssten künftig als Standort so interessant bleiben, dass sich der Rest der Welt für die Vermögenswerte der alternden Bevölkerung interessiert. Siegel ist überzeugt: „Mitte des Jahrhunderts besitzen die Entwicklungsländer – vor allem China – den größten Teil des Kapitals in der Welt.“

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