Einwanderer lassen sich nicht so leicht abschrecken
Madrid verstärkt den Kampf gegen Illegale

Hitze liegt über der Casa de Campo, dem riesigen Park im Westen der spanischen Hauptstadt. Einst frönten hier spanische Könige ihrer Jagdleidenschaft, heute nutzen die Madrilenen das Gelände als Ausflugsziel. Prostituierte bieten ihre Dienste an.

MADRID. Und am Rand, nahezu unbemerkt, steht eine kleine Zeltstadt, bewohnt von Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen: Spanier wie Isabel und Carlos, beide einst drogenabhängig und angewiesen auf ihre tägliche Ration Methadon, illegale Einwanderer aus der Ukraine, Rumänien, aus Marokko und Schwarzafrika.

Alle drückt das Problem, kein stabiles Dach über dem Kopf und kein Geld in der Tasche zu haben. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. „Mit denen wollen wir nichts zu tun haben“, sagt Isabel und meint „die ohne Papiere“. „Weg mit den Illegalen“, sagt auch Raimund, ein obdachloser Deutscher, der seit 23 Jahren in Spanien lebt, krebskrank ist und seit drei Monaten mit Freunden im Park lebt, damit überhaupt jemand merkt, „wenn ich sterbe“.

Wie anderswo in Europa sind auch in dem iberischen Land illegale Einwanderer unerwünscht: „Spanien explodiert, wenn noch mehr Illegale kommen“, warnte unlängst Regierungschef José María Aznar. Im Parlament von Madrid diskutieren die Abgeordneten in diesen Wochen zum dritten Mal binnen drei Jahren eine Reform des Ausländergesetzes. Die Konservativen wollen schärfere Maßnahmen gegen illegale Einwanderung mit Erleichterungen für legale Einwanderer, die über ein Arbeitsangebot verfügen, verbinden.

Doch die Illegalen lassen sich nicht abschrecken. Vor allem in den Sommermonaten wagen Flüchtlinge fast täglich die gefährliche Überfahrt durch die Meerenge von Gibraltar ins vermeintlich gelobte Europa. Vom marokkanischen Tanger sieht man in der Ferne die Lichter des spanischen Surferparadieses Tarifa funkeln. Afrika und Europa sind hier kaum 14 Kilometer voneinander getrennt.

Aber weil diese Naht immer effizienter überwacht wird, weichen viele Flüchtlinge auf die weiter östlich liegende spanische Küste aus. Oder sie wählen den noch längeren Weg über den Atlantik in Richtung der Kanareninsel Fuerteventura, südlichster Punkt der Europäischen Union. Fast immer sind sie in Schlauchbooten unterwegs, die schwer gegen hohe Wellen und tückische Strömungen ankommen. Viele Hoffnungsjäger fischt die Guardia Civil tot aus dem Wasser. Marokkaner, die sich durchschlagen, aber aufgegriffen werden, schickt die Polizei in ihre Heimat zurück, ebenso jene Afrikaner, mit deren Heimatländern Spanien Rückführungsverträge ausgehandelt hat.

Aber auch die, die der Polizei entkommen, sind längst nicht am Ziel ihrer Träume. Auf festem Boden geht die Odyssee weiter. Die Zeit, in der Illegale mit einer Legalisierung ihrer Situation rechnen konnten, ist vorbei. Und ohne Papiere wird es auch in Spanien zunehmend schwieriger, einen Job zu ergattern. Waren illegale Einwanderer früher gern genommene Arbeiter auf den Obst- und Gemüseplantagen, weil sie billig waren, brummt die spanische Regierung heute denjenigen harte Strafen auf, die illegale Immigranten beschäftigen. Auch Fluggesellschaften will Madrid künftig in die Pflicht nehmen – die Regierung spekuliert dabei vor allem auf die Daten von Lateinamerikanern, die als Touristen einreisen, ihr Rückflugticket aber verfallen lassen.

Neben Arbeitslosigkeit und Terrorismus ist Einwanderung das am meisten diskutierte Thema im Land. Viele Spanier verknüpfen sie mit steigender Unsicherheit auf den Straßen – ein Vorurteil, mit dem Innenminister Ángel Acebes aufräumen will: „Das ist falsch und ungerecht.“ Zumal es sich Spanien wegen der schwachen Geburtenrate nicht erlauben kann, auf Einwanderer zu verzichten. Viel an Einbürgerungsarbeit wird aber nicht getan. Zuletzt mahnte das spanische Statistikamt Ine an, das Land müsse sich besser auf den Ansturm vorbereiten, vor allem in den Bereichen Wohnung, Gesundheit und Bildung.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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