Eisschmelze
Japan umgarnt China mit großen Gesten

Asiens Wirtschaftsriesen bewegen sich nach jahrelanger Eiszeit politisch aufeinander zu, um den Kontinent wirtschaftlich zu stärken. Bis 2020 soll sich die Wirtschaftsleistung verdoppeln. Die Japaner träumen von einer "ostasiatische Gemeinschaft".
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TOKIO. Mit starken Gesten bemühen sich die japanische und chinesische Regierung um eine Verbesserung ihrer Beziehungen. So bewilligte die Regierung in Tokio Chinas Vizepräsident Xi Jingping jetzt eine außerordentliche Audienz bei Kaiser Akihito, obwohl die chinesische Seite die Begegnung über diplomatische Kanäle nicht rechtzeitig genug beantragt hatte.

Nach einer jahrelangen Eiszeit reagieren die Politiker damit auf die bereits enge ökonomische Verzahnung zwischen Asiens größten Volkswirtschaften. Bei seiner Einreise in Japan am Montag erklärte Xi, er wolle Vertrauen, Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen den beiden Nachbarn fördern. Der japanische Premierminister Yukio Hatoyama wiederum will China für eine "ostasiatische Gemeinschaft" gewinnen. Weil er die Eigenständigkeit Japans im Sicherheitsbündnis mit den USA betont und Chinas Anspruch auf Vorherrschaft in Asien nicht offen infrage stellt, kann Peking ihm leichter entgegenkommen. In Chinas Medien erhielt Hatoyama dafür hohes Lob.

Zuvor hatte Staatspräsident Hu Jintao in Peking die bisher größte Delegation aus Japan persönlich begrüßt. Die 600 Japaner waren in fünf Flugzeugen angereist. Neben mehreren Hundert Wirtschaftsvertretern gehörten auch 140 Abgeordnete der regierenden Demokratischen Partei (DPJ) dazu, denen Hu für ein Foto einzeln die Hand schüttelte. Ichiro Ozawa, Generalsekretär der DPJ verzichtete ausdrücklich auf Kritik an den Menschenrechten und wurde von Hu als alter Freund des chinesischen Volkes gewürdigt.

Tokio will die Wirtschaftsleistung Asiens bis 2020 verdoppeln

Das waren ungewohnte Töne - noch im Frühjahr 2005 hatte die chinesische Regierung anti-japanischen Unruhen im Land mehr oder weniger freien Lauf gelassen. Premier Hatoyama will Japan enger in Asien einbetten und innerhalb der Region mit China intensiver zusammenarbeiten. Auch das mächtige Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) setzt auf Asien als neuen Wachstumsmotor. "Asien ist für uns nicht ein Exportmarkt, sondern auch mit unserer Binnennachfrage verbunden", sagt Meti-Minister Masayuki Naoshima.

Die Wirtschaftsleistung des Kontinents wird sich nach Ansicht der Regierung bis 2020 verdoppeln. Die größte japanische Supermarktkette Seven & I etwa will ihren Umsatz in China bis zum Jahr 2015 auf rund drei Mrd. Euro verfünffachen.

Vize-Premier Xi gilt in Peking als aussichtsreichster Anwärter auf die Nachfolge von Präsident Hu. Hatoyama wollte ihn mit der Sonderaudienz daher bevorzugt behandeln. Die Opposition kritisierte den Premier dafür, den Kaiser für politische Zwecke zu benutzen.

Auch in seiner eigenen Partei regte sich Widerspruch. Hatoyama sei von Ozawa, der seit Jahren in der DPJ die Fäden zieht, von China aus zu der Sondererlaubnis gezwungen worden, berichteten japanische Medien. Aber insgesamt wird die Annäherung an China in Japan bisher kaum hinterfragt.

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