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06.11.2008 
Russland

Eisschollen auf der Moskwa

von Thomas Wiede

Tschüss, Cadillac: Die Finanzkrise dezimiert Russlands junge Mittelklasse. Das ist politischer Sprengstoff: Denn nichts fürchtet Präsident Dmitrij Medwedjew mehr als eine Welle der sozialen Unzufriedenheit.

Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew fürchtet steigende Arbeitslosenzahlen wegen der Finanzkrise. Foto: apLupe

Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew fürchtet steigende Arbeitslosenzahlen wegen der Finanzkrise. Foto: ap

MOSKAU. Als Andrej Kowalew gegen Mittag im Büro aufkreuzt, ist seine Welt noch in Ordnung. Morgens hat er sein neues Auto beim Händler abgeholt - einen Cadillac vom Feinsten. Da steht auf einmal die Dame von der Personalabteilung vor seinem Schreibtisch und hält ihm einen Stapel Papiere vor die Nase. Da unten solle er bitte unterschreiben, dann könne er gehen - der Marketingmann ist gefeuert. Die Abfindung ist ordentlich, immerhin. Andrej Kowalew zückt den Stift.

Gut ein Jahr hat er bei der Moskauer Immobilienfirma gearbeitet, davor war er Ressortleiter bei einer Tageszeitung. Und nun? Der Kredit für den Cadillac, der für die Wohnung? Zu Hause sitzen seine Frau und die fünf Monate alte Tochter. Jahrelang ging es für junge Russen wie die Kowalews immer nur nach oben. Nun stoppt ein neues Wort ihren Aufstieg: Die "Krisis" ist da.

Die Finanzkrise hat Russland erwischt. Längst ist Andrej Kowalew nicht mehr das einzige Opfer. 100000 Angestellte, schätzt Sergej Mironow, Sprecher der oberen Kammer des russischen Parlaments, dürften schon auf der Straße stehen. Und es werden täglich mehr.

Das ist nicht nur ein soziales, sondern es wird auch zu einem politischen Problem für Präsident Dmitrij Medwedjew und Premier Wladimir Putin. Denn es sind vor allem die jungen Aufsteiger wie Andrej Kowalew, die abrutschen, die nach Jahren des Booms nun Bescheidenheit lernen müssen. Bürger wie Kowalew profitierten im und damit auch vom autokratischen System.

Doch was geschieht, wenn sich das Versprechen der Regierenden von Wachstum und Wohlstand nicht mehr erfüllt? Wenn der neuen, noch kleinen Mittelschicht der soziale Abstieg droht? Die "Krisis" könnte eine echte Bedrohung für Russlands Mächtige werden. "Das politische System in Russland wird durch die gegenwärtige Krise schwer auf die Probe gestellt", schreibt Robert Orttung, Senior Fellow am Jefferson Institute in Washington. Ob die Regierung in der Lage sei, bei sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen ihre Legitimität zu wahren, hält er für offen.

Moskau, Kreml, Mittwochmorgen. Endlich ist es so weit. Mehrfach hatte Dmitrij Medwedjew diese Premiere verschoben, seine erste Rede zur Lage der Nation. Nur mit kleinen Videobotschaften auf seiner Webseite hatte sich Russlands Präsident in der Krise ans Volk gewandt, ganz entspannt am Schreibtisch sitzend mit offenem Hemd. Die Message: Russland sei auch in Zeiten der größten Weltfinanzkrise seit 1929 ein "sicherer Hafen".

Als Medwedjew just am Tag nach der Wahl des neuen US-Präsidenten vor die gut tausend geladenen Gäste im großen marmornen Kremlsaal tritt, wirkt er gar nicht mehr sicher und locker. Mit künstlich wirkender, strenger Präsidentenstimme hat er schnell den Verantwortlichen für die Krise gefunden: die USA. "Höchste Aufmerksamkeit" werde der Staat auf das Sichern von Erspartem und Renten richten. Und: "Die politischen Freiheiten der Bürger und das Privateigentum sind unantastbar." Macht euch keine Sorgen, versichert der Präsident also seinen Untertanen. Schließlich - das sagt er nicht öffentlich, das weiß man ja - gibt Russland mehr Geld aus als jede andere Industrienation, um die Folgen der Finanzkrise zu bekämpfen.

Andrej Kowalews Job hat das nicht retten können. Er sitzt im "Café Puschkin", ein, wie er schmunzelnd zugibt, etwas ungewöhnlicher Ort für einen Arbeitslosen: Mit seiner Jahrhundertwende-Deko, den livrierten Kellnern und dem Zarenflair ist es eines der teuersten Cafés in der teuersten Stadt der Welt. Sein Haupt schmückt der für den aktuellen Moskauer Schick obligatorische Pilzkopf, dazu Pulli und T-Shirt, ohne Krawatte sieht er noch jünger aus, als er ist. Auf dem Tisch iPhone, Kippen, Cappuccino.

"In den vergangenen Jahren hatten wir den Ölsozialismus", sagt Kowalew. Für jeden, der sich nicht ganz dumm angestellt habe, sei etwas abgefallen. Wer clever war und jährlich den Job wechselte, konnte sein Monatsgehalt ins Astronomische steigern.

Einer wie Kowalew lässt sich nichts vormachen. Wenn das Staatsfernsehen in den Nachrichten beteuert, bald sei die "Krisis" ausgestanden und sich der Moderator dann den Problemen der ostukrainischen Stahlindustrie widmet, kann er nur bitter lachen. Der Ölpreis ist von 140 Dollar pro Barrel auf rund 60 Dollar gefallen, die Devisenreserven des Staates schmolzen in wenigen Wochen von knapp 600 Milliarden Dollar um über 100 Milliarden ab, und die Konjunkturprognose für 2009 hat sich von sieben auf vier Prozent fast halbiert.

Russlands junge Elite ahnt: Die goldenen Zeiten sind vorbei.

Am härtesten trifft es den Finanzsektor: Die russischen Aktienmärkte haben seit ihren Höchstständen im Sommer gut 70 Prozent ihrer Wertes eingebüßt. Allein im vergangenen Monat zogen ausländische Investoren etwa 72 Milliarden Dollar aus Russland ab. Schwächelnde Banken entlassen bis zu 70 Prozent ihrer Angestellten.

Auch die Konzerne der Metallbranche wollen Stellen im mittleren Management abbauen und die Löhne um bis zu 40 Prozent kappen. Noch zögern die Aluschmiede Rusal oder der Stahlkocher Mechel, die begehrten Facharbeiter vor die Werkstore zu setzen - sie behelfen sich mit Viertagewoche und Kurzarbeit.

Selbst die Angestellten der Parlamentsverwaltung erwischt es: Sie müssen auf ihre Quartalsprämien verzichten, das Mehrfache ihres Monatslohns. Die Diäten der Abgeordneten bleiben freilich, wie sie sind.

380000 Russen, schätzt Oberhaus-Sprecher Mironow, warten auf ihre Löhne, weil es im Bankensystem klemmt. Das staatliche Meinungsforschungsinstitut WZIOM hat Mitte Oktober ermittelt, dass ein Viertel aller Befragten von Entlassungen in ihrer persönlichen Umgebung wissen.

Immerhin: Noch werden in Moskaus Schickeria-Clubs wie dem "Soho" oder dem "Krischa" fleißig Champagnerkelchpyramiden gebaut. Und noch gibt es keine Schlangen vor den Wechselstuben, sondern vor den Kassen der Shoppingcenter - kaufen, solange der Rubel noch etwas wert ist, lautet das Motto. 1998, als Russland bankrott war, war das noch anders (siehe: "Déjà-vu").

Dennoch spukt die "Krisis" wie ein Gespenst umher. Niemand kann so richtig abschätzen, wann und wo es zuschlägt. Es erscheint den Menschen am Geldautomaten, der plötzlich nur noch kleine Summen ausspuckt, weil die Bank um ihre Liquidität fürchtet, oder im Restaurant, das auf einmal keine Kreditkarten mehr annimmt.

Wer wissen will, wie seine Chancen stehen, das Gespenst zu treffen, kann auf der Internetseite der Zeitschrift "Smartmoney" einen Test machen. Beruf eingeben - und los geht's. "Wann haben Sie das letzte Mal zwölf Stunden gearbeitet? Gibt es in Ihrer Abteilung einen Mitarbeiter, der das Gleiche macht wie Sie?" Nach sieben Fragen ist klar, ob man sich bald einen neuen Job suchen muss oder nicht. Frauen bauen schon mal vor: In Moskau boomt das Geschäft mit gefälschten Schwangerschaftsnachweisen, weiß die Boulevardpresse. Schwangere lassen sich nicht so leicht feuern.

Arbeitslos? Für viele junge Russen eine völlig neue Erfahrung. Noch herrscht in den Wirtschaftszentren wie Moskau und St. Petersburg fast Vollbeschäftigung. Jedes Jahr sind die Reallöhne um mehr als zehn Prozent gestiegen. Als Architekt oder Banker können Russen gar mehr Geld verdienen als ihre Kollegen in Westeuropa.

Für Andrej Kowalew hat es gereicht, um einen 400000-Dollar-Kredit für eine Wohnung aufzunehmen. 3000 Dollar muss er im Monat für die Tilgung aufbringen. Die Gattin arbeitet nicht - ergibt auch keinen Sinn, weil sie nur 2500 Dollar nach Hause bringen würde: So teuer wäre auch das Kindermädchen. Die Headhunter haben Kowalew gesagt, es gehe grad nichts.

Daher verlässt sich der 26-Jährige einstweilen auf sein zweites Standbein PR-Beratung. Keine Angestellten, kaum Fixkosten, er hat seinen Laptop, Meetings im Café, der Rest sind gute Beziehungen. Auf einem Papier rechnet er seinen Cash-Flow vor. Im Augenblick kommt er immer noch monatlich auf rund 10000 Dollar. Das reicht. Aus dem Rubel ist er raus - Rechnungen stellt er nur noch in Dollar.

Gespart hat er wie die meisten der jungen Aufsteiger nichts. Konsum ist König: Auto, Wohnung, Partys, Reisen. Was übrigbleibt, hält er cash. Aktien besitzen nur drei Prozent aller Russen. Deshalb hat Kowalew für die Achterbahnfahrt der Börse auch nur ein Achselzucken übrig. Das nächste Jahr wird schwer, sagt er, aber er werde schon irgendwie durchkommen.

Das böse Erwachen werde nach den - in Russland meist exzessiven - Neujahrsfeiern kommen, sagt Tatjana Doljakowa, Chefin der Personalvermittlung "Penny Lane Personnel" in Moskau. Dann werden viele Konzerne die "Optimierung" ihrer Mitarbeiterstruktur abschließen wollen.

Und auch die Bargelddepots daheim im Küchenschrank bieten nur wenig Trost, so sie denn in Rubel angelegt sind - weil die Regierung Milliarden ihrer Reserven in Wirtschaft und Bankensystem schießt. Vizepremier Igor Schuwalow hat klargemacht, dass es um eine Stabilisierung der Lage geht - Inflation? Nicht so wichtig. Die Geldentwertung liegt mittlerweile bei 13 Prozent.

In Umfragen halten viele Russen den Kampf gegen die Inflation für wichtiger als neue Hilfen für die Banken. Die Effekte sind bereits erkennbar: Russlands Mittelschicht ist in diesem Jahr erstmals seit 2000 wieder geschrumpft: Von 25 auf 18 Prozent der Bevölkerung. Verarmung statt Aufstieg.

Auch Nikita Chaljawin bittet zum Gespräch in ein angesagtes Café. Im "Akademia", nur einen Steinwurf entfernt von Moskaus Prachtstraße Twerskaja, treffen sich Geschäftsleute und betuchte junge Damen. Internetunternehmer Chaljawin sieht die "Krisis" mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er hat zwei Millionen Dollar für ein Start-up eingesammelt - "professionali.ru". Das Portal, das sich an Vorbildern wie Xing orientiert, wo die junge Elite ihr Netzwerk pflegen und auf Jobsuche gehen kann, ist erst seit drei Monaten online. Doch die Zahl der Nutzer steigt rasant. Das verdankt es der miesen Lage im Land. Viele Foren haben vor allem ein Thema: Wie komme ich am besten durch die "Krisis"?

Das Portal ist nur eines von Chaljawins Projekten. In guten Zeiten haben die Investoren ohne zu Zögern die Brieftasche gezückt. Nun müssen sie selbst Leute entlassen und Geld auftreiben. Chaljawin hat sich daher auf das krisensicherste Geschäft konzentriert. Unter den Nutzern seines Portals hat er eine Umfrage gemacht: 64 Prozent wollen künftig privat ihre Kosten reduzieren und verzichten auf geplante Anschaffungen wie Cadillac oder Flachbildfernseher. Und beinahe 80 Prozent glauben, dass die Hilfsmaßnahmen von Medwedjews Regierung verpuffen werden.

Weniger Konsum, weniger Jobs und kein Vertrauen in den Staat: Boris Krawtschenko vom Institut für Globalisierung und soziale Bewegung erwartet, dass die Unzufriedenheit der Russen rasant wachsen wird. Das kommende Jahr werde gar eine stürmische Zunahme von Protesten erleben. "Die Regierung fürchtet vor allem eines: hohe Arbeitslosigkeit", sagt ein hochrangiger europäischer Diplomat in Moskau.

Schon 2005, als Präsident Putin eine Sozialreform angeleiert hatte, waren die oft als apathisch geltenden Russen zu Tausenden auf die Straße gegangen. Der Kreml-Chef hatte Vergünstigungen für Rentner, Behinderte oder Soldaten abgeschafft und durch Barzahlungen ersetzt, die so gering ausfielen, dass sie heftige Einschnitte im Lebensstandard der Betroffenen - fast jeder dritte Bürger - zur Folge gehabt hätten. Nach den Massenprotesten ruderte Putin zurück.

Und nun die "Krisis", sie ist nicht hausgemacht, sondern importiert. Mancher ausländische Investoren sieht in der Krise vor allem eine notwendige Korrektur nach den langen Jahren des Booms. Ein Ende der Immobilienblase, des aufgeblähten Managements, der überhöhten Gehälter.

Die Pessimisten bessern ihre Laune mit Witzen wie diesem auf: Treffen sich zwei Straßenfeger. "Hey, dich kenn ich doch!" sagt der eine. "Stimmt, dich hab ich aber auch schon mal irgendwo gesehen", sagt der andere. "Bei welcher Bank warst du?"

Mit Freunden hat Andrej Kowalew diskutiert, ins Ausland zu gehen. Doch: "Unsere Wirtschaft ist zwar nicht stabil, und die Risiken sind hoch, doch die Chancen viel größer als im Westen", sagt er. Einen Plan B hat er auch schon: "Zur Not verkaufe ich die Wohnung oder fahre im Cadillac Taxi."

1998: Déjà-vu

Spirale

Im Frühjahr 1998 rutschte Russlands Wirtschaft in ihre letzte tiefe Krise. Geschwächt durch die Auswirkungen der Asienkrise vom Herbst 1997 und einen Ölpreisverfall geriet Russlands Staatshaushalt in Schieflage. 30 Prozent gingen für Zinszahlungen drauf, zudem zahlten von 148 Millionen Russen nur fünf Millionen Steuern. Lehrer, Ärzte und Rentner erhielten kein Geld mehr, Bergarbeiter traten in wilde Streiks. Schuldverschreibungen des Staates waren nur mit 80 Prozent Zinsen loszuschlagen. Die Zentralbank verdreifachte die Leitzinsen auf 150 Prozent. Zwischen Mai und August brach die Moskauer Börse mehrfach massiv ein. Die Zentralbank musste den künstlich starken Rubel abwerten. Nach der Freigabe des Wechselkurses schossen Preise und Inflation in die Höhe. Banken brachen zusammen, als Tausende ihr Erspartes abzogen.

Rettungsversuche

Im Sommer bewilligte der Internationale Währungsfonds Russland Kredite von 22,6 Milliarden Dollar, nachdem die Regierung zugesagt hatte, das Etatdefizit drastisch zu reduzieren. Privatisierungen von Staatskonzernen wie Rosneft (Öl), Lukoil (Öl) und Swjasinvest (Telekom) blieben jedoch mangels Investoren stecken. Erst als Präsident Boris Jelzin im September schließlich die zweite neue Regierung in einem Jahr einsetzte, beruhigte sich die Lage.

Trauma

Für viele Russen gilt die Krise von 1998 als Trauma. Nach zuvor ersten Erfolgen bei der wirtschaftlichen Entwicklung ihres Landes verloren Millionen Bürger ihre Ersparnisse.

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