Elend wird sichtbar
US-Mittelschicht auf der Rutschbahn ohne Halt

Manchmal versteckt sich der Niedergang in den USA hinter Motel-Türen. Zuerst hat Stephanie Burkek ihren Job verloren, dann ihre Wohnung. Seither lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern im abgewohnten „Budget Inn“. So wie ihr geht es vielen Amerikanern, selbst im reizenden Touristenörtchen Luray in Virginia.

LURAY. Einen hellen Plastikstuhl hat sich Stephanie Burkek vor die Tür ihres Zimmers 112 gestellt. Dort sitzt sie und betrachtet, wie ihr dreijähriger Sohn Andrew mit einem Dreirad um die parkenden Autos flitzt. Warm ist es an diesem Frühsommertag. Erstmals seit Tagen kann die vierköpfige Familie raus aus dem engen Motelzimmer im „Budget Inn“, in dem sie seit einem halben Jahr lebt – eingezwängt zwischen zwei Queensize-Betten, Minibar, Fernseher, Kaffeemaschine und Mikrowelle.

Stephanie hatte zuerst ihren Job verloren, dann ihre Wohnung. Seither lebt die Familie in dem abgewohnten Motelzimmer in Luray, Virginia. 600 Dollar zahlen sie pro Monat – dafür reicht die Rente ihres behinderten Ehemanns Arthur gerade aus. Aus ihrem Appartement im Nachbarort Stanley waren sie hinausgeflogen, weil sie die Rechnungen für Strom, Gas und Wasser nicht mehr bezahlen konnten. „Die Nebenkosten sind hier alle mit drin“, sagt Stephanie.

Tief abgerutscht ist ihre Familie. Am Ende des ersten vollen Krisenjahres in den USA ist das nicht die Ausnahme, es ist die Regel. Wer in der sozialen Hierarchie schon vorher ziemlich weit unten war, der landet jetzt schnell im Keller. Und wer bisher noch zur Mittelschicht gehörte, der kann sich plötzlich in der Unterklasse wiederfinden. Ohne Job, ohne finanzielle Reserven und ohne nennenswertes soziales Auffangnetz sind die Menschen oft nur einen Schritt entfernt von einer steilen Talfahrt.

Noch versteckt sich der Niedergang hinter Moteltüren, in Baracken der Jobcenter und an Ausgabeschaltern von Essens- und Kleiderstationen karitativer Organisationen. Doch wer an der Fassade kratzt, der sieht selbst im netten Touristenörtchen Luray das Elend. Auf 17 Prozent geklettert ist die Arbeitslosenrate in Page County, dem Bezirk von Luray. 17 Prozent in einer traumhaft schönen Gegend am Fuße der Shenandoah-Berge, die immer irgendwie überlebt hat.

Aber diesmal ist alles anders: „Das hier ist das Schlimmste, was ich meinem Leben gesehen habe“, sagt Bürgermeister Barry Presgraves. Der 66-Jährige hat sein ganzes Leben in Page County verbracht. „Aber noch nie ist es in den USA so bergab gegangen.“ Nicht nur die Touristen bleiben aus in Luray, auch die örtlichen Firmen machen entweder dicht oder sie bauen immer weiter Stellen ab. Und fand sich zuletzt wenigstens noch Arbeit, wenn man stundenlange Anfahrtswege in die Ballungszentren von Washington oder Richmond in Kauf nahm, so funktioniert heute auch dieses Modell nicht mehr. Denn inzwischen gibt es überall zu wenig Jobs. Kein Wunder in einem Land, das seit Dezember 2007 über 5,7 Millionen Arbeitsplätze gestrichen hat.

„Diesmal trifft es jede Branche, egal, ob du Klempner bist, Elektriker oder Pilot, egal, ob du 58 Jahre alt bist oder erst 28“, sagt Florhline Painter, die das örtliche Jobcenter leitet. Painter residiert in einem umgebauten „Drive-Thru“, einem ehemaligen Fastfood-Restaurant, bei dem man einst seine Hamburger durchs Autofenster gereicht bekam. Jetzt kann man sich dort vor Computer setzen und nach Jobangeboten suchen. Die 62-Jährige mit dem dunkelblonden Haar versucht sich in Optimismus, auch wenn es keinen Anlass dazu gibt. Denn nichts ist schlimmer als die Depression, weiß Painter: „Das kann aus einer vielleicht nur kurzzeitigen Arbeitslosigkeit eine Lebens- und Sinnkrise machen.“

Ein Gefühl, das auch Russel McConniel umtreibt. „Du musst dich jeden Tag zusammenreißen, du musst etwas tun“, sagt der ehemalige Polizist. Er fährt jeden Morgen bei Painter vorbei, checkt die Jobangebote, schickt Bewerbungen ab. Danach versucht er, seinem Tag Struktur zu geben, er putzt das Haus, räumt auf, bringt bei seinen Eltern oder bei Nachbarn den Garten in Ordnung. Dafür bekommt er ein Trinkgeld, mal zehn, mal 20 Dollar. Schon lange hat McConniel alle Sozialleistungen ausgeschöpft, die der amerikanische Staat seinen Bürgern für solche Existenzkrisen bereithält. Knapp vier Monate lang bezog er ein reguläres Arbeitslosengeld von 363 Dollar pro Woche. Doch nach einer Verlängerung um weitere sechs Wochen war endgültig Schluss. Im April hat er nun sogar einen Teil seiner Zukunft verkauft: Russ hat seine kleine Rentenversicherung aufgelöst. Ein bisschen mehr als 5000 Dollar hat ihm das gebracht, aber in ein paar Wochen, sagt McConniel, sind auch die aufgebraucht.

Auch für Russ, wie er nur kurz genannt wird, ist das ein tiefer Sturz. Als er seinen Job als stellvertretender Sheriff in Richmond hatte, gehörte er mit einem Jahresgehalt von rund 45 000 Dollar zur Mittelklasse. Die Polizei war schon immer sein Terrain: Acht Jahre diente Russel als Militärpolizist bei der US-Army. Doch als der Stadt Richmond 2007 das Geld ausging, wurde der Stellvertreterposten gestrichen. Seither bewirbt sich der 36-Jährige auf alles, was er sich halbwegs zutraut, selbst auf Jobs als Barkeeper, Rezeptionist oder Putzhilfe im Hotel.

McConniel will um jeden Preis verhindern, dass er auf der Rutschbahn nach unten immer weiter abgleitet. Dafür würde er auch wieder zurückkehren zur Armee. „Die würden mich wieder nehmen“, hat er schon mal bei seinen ehemaligen Kameraden vorgefühlt. Muss er dann in den Irak? „Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent“, sagt Russ. Ob ihn das stört? „Nein. Ich will nur wieder einen Job.“

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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