Ende des Ankaufsprogramms
EZB bleibt in der Hauptrolle

Die Europäische Zentralbank muss nach Ansicht von Experten weiter genügend Liquidität bereitstellen und darf ihr Programm nicht zurückführen. Besonders für Spanien könnte eine Weiterführung des Programms überlebenswichtig werden.
  • 0

FRANKFURT. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) sollte am Donnerstag auf keinen Fall ein Ende des Ankaufsprogramms für Staatsanleihen oder eine Rückführung der besonderen Liquiditätsversorgung für Banken ankündigen. Das ist die fast einhellige Ansicht der im EZB-Schattenrat versammelten europäischen Experten aus führenden Banken und Forschungsinstituten.

Erklärte Absicht von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und seinen Kollegen ist es, die im Zuge der Finanzkrise beschlossenen Maßnahmen auslaufen zu lassen. Bis über die Jahreswende sind diese zugesichert, wie es danach weiter gehen soll, will die EZB am Donnerstag beschließen und danach gleich verkünden. Nun droht jedoch die neuerliche Zuspitzung der Krise in den peripheren Ländern des Euroraums die Ausstiegspläne zu vermasseln.

"Ein Ende der Krisenmaßnahmen wäre ein verheerendes Signal", meint Janet Henry, Europa-Chefvolkswirtin der britischen Großbank HSBC: "Das würde ein Übergreifen der Krise auf Spanien deutlich wahrscheinlicher machen." Ohnehin gebe es schon Berichte darüber, dass Einlagen aus spanischen Banken abflössen. Die Schattenräte befürchten, dass die spanischen Banken ebenso wie der spanische Staat durch Spekulanten in große Schwierigkeiten gebracht würden, wenn die EZB ankündigte, dass sie die Bankenrefinanzierung erschwert.

Vorerst bis Anfang nächsten Jahres hat die EZB zugesagt, den Banken weiter in unbegrenztem Umfang Wochenkredite, Monatskredite und Dreimonatskredite zum Leitzins von einem Prozent zu gewähren. Vor alle die Banken in den peripheren Ländern nehmen dies stark in Anspruch. Banken aus Ländern mit besserem Kreditrating bekommen dagegen am Geldmarkt zu noch niedrigeren Zinsen Liquidität und nehmen daher die EZB weniger stark in Anspruch.

Auch ein offizielles Ende des Ankaufsprogramms der EZB für Staatsanleihen, das sie seit über zwei Monaten nur noch in geringem Maße nutzt, lehnen die Volkswirte fast einhellig ab. "Ohne dieses Instrument gäbe es gar keine Verteidigungsmöglichkeit mehr, wenn sich die Spekulation ungerechtfertigter Weise auf Spanien einschießen sollte", sagte Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland.

Während die meisten Experten keinen guten sachlichen Grund für eine Haushaltskrise in Spanien sehen, haben sie in Bezug auf Portugal nur geringe Hoffnung, dass das Land um ein Hilfsersuchen an den europäischen Rettungsschirm herumkommt.

Die Experten sehen allerdings das Problem, dass die Maßnahmen der EZB zur Krisenbewältigung eine als viel zu zögerlich empfundene Haltung der Regierungen und der EU-Kommission bei der Sanierung des Bankensystems begünstigen. Einstimmig fordern daher die Mitglieder des Schattenrats die politischen Instanzen auf, eine schonungslose Bestandsaufnahme des Zustands der Banken anzugehen, und insolvente Banken entweder abzuwickeln oder zu rekapitalisieren. "Die Probleme der Banken stehen im Zentrum der sich ausbreitenden Staatsschuldenkrise", stellte die Europa-Chefvolkswirtin der Investmentbank Morgan Stanley, Elga Bartsch fest. Geld aus Hilfsprogrammen solle nur fließen, wenn es auch zur Sanierung des jeweiligen Bankensystems verwendet wird, drängt Bartsch.

Unter den Bankvolkswirten, ebenso wie bei den für Forschungsinstitute arbeitenden Ökonomen dominiert das Unverständnis darüber, dass mitten in der sich immer weiter ausbreitenden Finanzkrise öffentlich über Maßnahmen diskutiert wird, private Investoren bei einem Staatsbankrott zur Kasse zu bitten. "Die schlechte Kommunikation von deutscher Seite ist einfach entsetzlich", kritisiert Erik Nielsen, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs die Vorstöße der deutschen Regierung und die Verbreitung deutscher Arbeitspapiere hierzu über die Presse. Die meisten der Experten sehen darin eine Diskussion zu Unzeit, welche die Krise unnötig anheize.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Ende des Ankaufsprogramms: EZB bleibt in der Hauptrolle"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%