Ende eines Aufschwungs
Vom Tiger zum Zombie

In Irland ballen sich all die Probleme, die in anderen Ländern Europas nur einzeln auftreten. Damit ist der keltische Tiger zum Zombie mutiert, der die gesamte Eurozone angefallen hat und die Zukunft der Gemeinschaftswährung in Frage stellt. Eine der größten ökonomischen, politischen und sozialen Erfolgsgeschichten der EU hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.
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Die Rede kann er schon fast auswendig. Im Oktober 2008 hat Bertie Ahern sie auf einer Unternehmerkonferenz in Ecuador gehalten, ein paar Wochen später in Korea. Und am 19. Februar 2009 hat der ehemalige Premier Irlands seinen dritten großen Auftritt mit dem Vortrag über sein Leib- und Magenthema: "Der keltische Tiger - Irland als Vorbild für wirtschaftsliche Entwicklung."

110 Euro hat jeder der 700 Geschäftsleute in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa gezahlt, die Aherns Rede an diesem Abend im edlen Marriott Hotel lauschen. Als den "Treiber und Architekten eines atemberaubenden Wirtschaftsaufschwungs" haben die Organisatoren ihn angekündigt.

8 200 Flugkilometer entfernt bricht die irische Wirtschaft gerade in einem atemberaubenden Tempo in sich zusammen. An dem selben Tag, an dem Ahern in Tegucigalpa alte Erfolge heraufbeschwört, sorgen neue Enthüllungen über dubiose Geschäfte der irischen Banken und die Vetternwirtschaft der Politiker für Schlagzeilen.

Während Ahern um die Welt fliegt und geschätzte 30 000 Euro für jeden seiner Vorträge über den Aufstieg des keltischen Tigers kassiert, nähert sich das Land dem Staatsbankrott. Denn auf der grünen Insel von der Größe Bayerns und mit gerade mal 4,5 Millionen Einwohnern, sowiel wie Berlin und Köln zusammen, ballen sich all die Probleme, die in anderen Ländern Europas nur einzeln auftreten: eine Immobilienkrise wie in Spanien, eine extreme Abhängigkeit von ausländischen Direktinvestitionen wie in Osteuropa und eine laxe Kontrolle eines aufgeblähten Bankensektors wie in Island.

Heute, eineinhalb Jahre nach Aherns Auftritt in Honduras, erreicht die Irland-Krise ihren nächsten Höhepunkt. Der keltische Tiger ist zum Zombie mutiert, der die gesamte Eurozone angefallen hat und die Zukunft der Gemeinschaftswährung in Frage stellt. Eine der größten ökonomischen, politischen und sozialen Erfolgsgeschichten der EU hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.

Der irische Aufschwung, er begann Anfang der 90er-Jahre. Mit EU-Geld baute das einstige Agrarland seine Infrastruktur aus und mit Unternehmenssteuern von 12,5 Prozent, einem niedrigen Lohnniveau und gut ausgebildeten Nachwuchs lockte es Investitionen an - vor allem aus den USA. Konzerne wie Microsoft gerieten geradezu ins Schwärmen, wenn sie damals über Irland sprachen - über die große Offenheit des Landes für neue Technologien, über die vielen englischsprachigen Arbeitslosen mit einem abgeschlossenen Studium. "Eine exzellente Ausgangsposition für Arbeitgeber", sagte ein Microsoft-Manager.

Es blieb nicht bei Unternehmen aus der Computer- und Softwarebranche, auch Textilfirmen und Pharmakonzerne bauten Produktionsstätten und Callcenter in Limerick, Cork oder Galway auf und eröffneten ihre europäischen Hauptquartiere in Dublin. Mit ausländischem Kapital entstand eine Exportindustrie, die dem Land Wachtumsraten bescherte wie sonst nur aus Asien bekannt - um durchschnittlich acht Prozent legte die Wirtschaftsleistung von Jahr zu Jahr zu.

Die Unternehmen nutzen nicht nur die Kompetenz der irischen Arbeitskräfte, sondern auch die vielen legalen Steuertricks. Manch eine Firma lasse ihre Gewinne gezielt in Irland anfallen und reiche Vorprodukte billig an ihre irische Tochtergesellschaft weiter, um Steuern zu sparen, kritisieren Politiker in anderen EU-Ländern immer wieder.

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  • Guten Tag,..... ich bin mir bewusst dass ich Aepfel mit birnen vergleiche. Aber mal ehrlich, in irland gibt es ausser einigen Schaafen und Paddy's nichts,.... aber auch gar nichts. Die selben Vollidioten die irland in den Himmel gehoben haben, haben einige Jahre vorher Argentinien ueber den gruenen Klee irlands gelobt. ( Fragen Sie mal Herrn Koehler ) Auch hatte der einfache ire wenig davon wenn Auslaender ihn zu billiglohn einstellten und auspluenerten. Erwachsene Leute ( auch Handelsblaetter ) waeren mir viel Sympatischer wenn sie nicht dauernd mit Superlativen um sich werfen wuerden. Auf und Abschwuenge, Vollbeschaeftigung und weitere Stimmungsmache sind voellig fehl am Platze. Mann muss der Regierung ( falls man Frau Merkel und Frau Westerwelle als solche ansieht ) nicht auch noch staendig Zucker in den Hintern blasen. bei beiden Damen zwar aus unterschiedlichen Gruenden. Die eine hat eine Problemfigur, die Andere eine Problemzone. besten Dank.

  • Tja, die Party ist da wohl vorbei. Und die hatte wohl auch wenig mit dem € zu tun. Allerdings verstehe ich nun gar nicht, warum ich als deutscher Steuerzahler die Musik bezahlen soll, die auf der Party gespielt wurde. bei allem Respekt, dafür habe ich NULL Verständnis!

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