Energiekrise in Argentinien
Kirchner gegen Kapital

Argentiniens Präsident nimmt lieber eine Energiekrise in Kauf, statt höhere Preise für Strom und Gas zuzulassen. Doch die künstlich niedrigen Preise nehmen den Versorgern jeden Anreiz, den steigenden Bedarf zu decken. Droht dem Land ein Rückfall ins wirtschaftliche Chaos?

BUENOS AIRES. Leere Fabrikhallen, geschlossene Schulen und Tankstellen, frierende Menschen in ihren kalten und teilweise dunklen Häusern – drei Tage mit nächtlichen Minustemperaturen haben ausgereicht, um in Argentinien das Chaos auszulösen und die labile Energieversorgung zusammenbrechen zu lassen. Die Energiekrise, vor der Experten seit Jahren warnen, sie ist Realität – ausgelöst von politischen Fehlern: Künstlich niedrige Energiepreise nehmen den Versorgern jeden Anreiz, in die Produktion zu investieren, um so den steigenden Bedarf zu decken.

Getreu den Wünschen des machtbewussten argentinischen Präsidenten Nestor Kirchner, der sich in gut vier Monaten zur Wiederwahl stellt, drehten die Gaslieferanten zunächst der Industrie und nicht den Privathaushalten den Hahn zu. Der argentinische Stahlkonzern Acindar musste seine Kapazität in der vergangenen Woche auf ein Fünftel der regulären Produktion herunterschrauben, da er nicht genug Gas hatte, um seine Öfen zu befeuern. Eine General-Motors-Fabrik in der argentinischen Stadt Rosario stand komplett still, die 2 000 Arbeiter wurden vorübergehend entlassen.

Ende der Woche bekamen auch die Haushalte die Probleme zu spüren. Gastankstellen blieben größtenteils geschlossen, und abends fiel der Strom für einige Stunden aus.

Verzweiflung breitete sich auch im Nachbarland Chile aus, das stark von argentinischen Gasimporten abhängt. Kirchner lässt die Lieferungen an Chile unterbrechen, wenn die lokale Versorgung gefährdet ist.

„Fehlende Investitionen im Energiesektor, die zum großen Teil von den eingefrorenen Tarifen herrühren, haben eine Situation geschaffen, die früher oder später explodieren musste“, sagt der Analyst Rosendo Fraga. Nach dem Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft 2002 und der massiven Abwertung des Pesos ließ die Regierung nicht zu, dass die Energiepreise an die neuen Wechselkurse angepasst wurden – aus Angst vor einer starken Inflation. Die Versorger investieren daher nicht in die Erschließung neuer Gasfelder oder Ölquellen.

Das Grundmuster findet sich auch in anderen Branchen wieder. Vor wenigen Wochen steckten wütende Pendler den Bahnhof „Constitución“ in Buenos Aires in Brand, nachdem ein Zug mal wieder Verspätung hatte. Sie waren es leid, ständig zu spät zur Arbeit zu kommen, weil mal wieder ein Zug ausgefallen oder zu spät gekommen war. Sie waren es leid, sich in dreckige und zerstörte Waggons zu drängen – ebenfalls eine Folge niedriger Fahrpreise, die politisch so gewollt sind. Solange eine Fahrkarte umgerechnet 0,25 Euro kostet, bleibt der Bahn kaum Geld für Instandhaltung und neue Investitionen. Zwar subventioniert der Staat die in den 90er-Jahren privatisierten Bahnunternehmen, aber das reicht nach Angaben der Betriebe gerade für die Gehälter der Mitarbeiter. Höhere Fahrkartenpreise würden die Inflation in die Höhe treiben und seien nicht sozialverträglich, meint die Regierung.

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