Energiepolitik
Wirtschaft trickst beim Klimaschutz

Deutsche Firmen können ihre eigenen Verpflichtungen durch Projekte in der Dritten Welt mindern. Doch oft setzen die Konzerne dort so falsche Anreize. Das beste Beispiel ist die Produktion eines sehr klimaschädlichen Kühlmittels.
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BERLIN. Als die britische Kolonialverwaltung in Indien der Kobra-Plage nicht mehr Herr wurde, lobte sie für jede getötete Schlange eine Prämie aus. Die indischen Bauern nahmen dies zum Anlass, Kobras zu züchten. Ein schönes Beispiel dafür, wie Anreizsysteme Schaden anrichten können. Ähnlich verhält es sich beim Klimaschutz: Deutsche Unternehmen organisieren sich zu niedrigen Kosten Emissionszertifikate, indem sie eine vermehrte Schadstoffproduktion in Entwicklungsländern billigend in Kauf nehmen oder gar befördern.

Das beste Beispiel: Bei der Produktion eines bestimmten Kühlmittels, das noch bis zum Ablauf einer Übergangsfrist allein in Entwicklungsländern hergestellt werden darf, fällt ein sehr klimaschädliches Abfallprodukt an, das Gas HFC 23. Es ist extrem kostengünstig und technisch nicht besonders anspruchsvoll, HFC 23 unschädlich zu machen. Gleichzeitig wird die Beseitigung des Gases reichlich mit Emissionszertifikaten belohnt, die sich deutsche Unternehmen bei ihren eigenen Klimaschutzbemühungen anrechnen lassen können.

Der Wert der Zertifikate, den die Unternehmen für die Beseitigung von HFC 23 gutgeschrieben bekommen, übersteigt die Erlöse aus dem Verkauf des Kühlmittels um das Drei- bis Fünffache. „Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass ein Anreiz entsteht, mehr klimaschädliches Gas zu produzieren, um danach mehr Zertifikate zu generieren“, heißt es in einer dem Handelsblatt vorliegenden Studie, die das Öko-Institut für die Umweltstiftung WWF erarbeitet hat. Damit verfehlen die Projekte nach Auffassung von WWF und Öko-Institut ihre Zielsetzung, ja sie sind sogar schädlich.

Die Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Entwicklungsländern nach dem Clean Development Mechanism (CDM) ist Bestandteil des Kyoto-Protokolls und wurde in das europäische Emissionshandelssystem integriert. Die zur Teilnahme am Emissionshandel verpflichteten Energie- und Industrieunternehmen müssen für jede emittierte Tonne des Treibhausgases Kohlendioxid ein Emissionszertifikat nachweisen. Industrieunternehmen bekommen die Zertifikate größtenteils kostenlos zugeteilt, Energieversorger müssen einen erheblichen Teil zukaufen. Außerdem können die Unternehmen auf den CDM zurückgreifen: Sie werden mit Zertifikaten belohnt, wenn sie in Entwicklungsländern Klimaschutz betreiben. CDM-Zertifikate sind günstiger als die etwa an der Leipziger Strombörse gehandelten Emissionshandelszertifikate.

Die Zielsetzung des CDM ist überzeugend: Er soll armen Ländern helfen, eine nachhaltige Entwicklung in der Energieerzeugung und der industriellen Produktion voranzutreiben, und gleichzeitig Unternehmen aus Industriestaaten unterstützen, ihre CO2-Reduktionsziele zu erreichen. Derzeit sind mehr als 2 500 CDM-Projekte in 58 Staaten registriert. Aus diesen Projekten dürften sich bis Ende 2012 Schätzungen zufolge Zertifikate mit einem Wert von bis zu 15 Mrd. Euro ergeben.

„Das zerstört den Mechanismus“

Die Beseitigung von HFC 23 hat sich zum wichtigsten Projekt-Typ des CDM-Systems entwickelt. Das Öko-Institut hat die CDM-Aktivitäten der 13 wichtigsten deutschen Player untersucht, darunter etwa der RWE, und kommt zu dem Ergebnis, dass sie insgesamt zwei Drittel des CDM-Geschäfts mit der Beseitigung von HFC 23 bestreiten. „Diese Projekte zerstören CDM als Mechanismus. Wenn das nicht umgehend verboten wird, wird CDM komplett die Glaubwürdigkeit verlieren“, sagte Regine Günther, Leiterin Klimaschutz beim WWF, dem Handelsblatt.

RWE sieht das anders. Das Thema HFC spiele im Projektportfolio des Konzerns keine dominierende Rolle. Das Unternehmen will auf jeden Fall vermeiden, dass wegen der Debatte über das Gas der Clean Development Mechanism insgesamt in Verruf gerät. CDM sei „der einzige übergreifende, marktbasierte Mechanismus, der Anreize für Klimaschutzprojekte schafft“, sagte Gerd Jäger, Vorstand der RWE-Erzeugungsgesellschaft.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Energiepolitik: Wirtschaft trickst beim Klimaschutz"

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  • Erst wenn das letzte Kraftrwerk in Deutschlland geschlossen ist und der letzte Arbeitsplatz vernichtet ist, werden die Grünen merken, daß es völlig egal ist ob eine Kuh in bayern oder China furzt.

  • @[1]: Ja ne, is klar. "Das immer zum Schaden der bürger und Steuerzahler". Diese "Anti-Einstellung" ist ja so schön und leicht, bestimmt Wähler der Grünen, oder? Die auch für grüne Energie sind, aber mit bürgerbewegung den Ausbau der Netzleistung verhindern, um Windstrom aus der Nordsee in die benötigten Gebiete zu leiten. Klar suchen die Versorger ihre Vorteile, aber nur um Gewinne für ihre besitzer zu gewähren. Also auch für uns. Trotzdem ein schönes WE

  • Wenn wunderts? Deutsche Firmen und auch natürlich andere, tricksen immer. bei larifari Gesetzen und guter Lobiarbeit ist das auch kein Problem und wird von der Politik in Kauf genommen. Das immer zum Schaden der bürger und Steuerzahler

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