Energiesicherheit: Kernkraft: Die Angst der anderen

Energiesicherheit
Kernkraft: Die Angst der anderen

Die Slowakei will das Kernkraftwerk Bohunice wieder anfahren - und die EU und Österreich laufen Sturm. Es geht nicht nur um warme Wohnzimmer im kalten Winter. Es geht auch um Ost- und Westeuropäer, die einander noch lange fremd bleiben werden.

BOHUNICE. Sanft wellen sich die Hügel, an sie heran kuschelt sich hier ein Wäldchen, dort ein Weinberg, weiter hinten ein paar Bauernhöfe. Die geschlossene Schneedecke verleiht den großen Feldern zusätzliche Weite. Am Horizont recken sich die Karpaten gen Himmel, der bekannteste Gebirgszug der Slowakei. Kaum Industriebauten rauben dieser Landschaft nordöstlich von Bratislava ihren idyllischen Charme. Alle paar Kilometer kommt ein Weiler in Sicht mit Lebensmittelladen, Kneipe und viel, viel Ruhe.

Doch noch ehe das Reiseziel Bohunice zu erspähen ist, schon etliche Kilometer vor dem Dorf, da erwachsen sie aus der Landschaft wie riesige Auspuffrohre aus dem Erdinnern, die gewaltigen Kühltürme des Kernkraftwerks Jaslovske Bohunice, und entlassen ihre mächtigen Wasserdampfwolken in den grauen Himmel.

In Bohunice, dem 2000-Seelen-Örtchen 60 Kilometer von der Hauptstadt Bratislava entfernt, ist es mit der Ruhe vorbei. Seit Ministerpräsident Robert Fico hier einen Kernreaktor wieder anfahren will, ist Bohunice Streitobjekt zwischen der Slowakei und der Europäischen Union. Von Erpressung ist die Rede und von Vertragsbruch. Aber der Streit geht tiefer. In Bohunice ist das zu studieren, was auch die EU-Osterweiterung nicht verschwinden lässt: Grundsätzliche Meinungsunterschiede zwischen Ost- und Westeuropäern, gespeist aus grundverschiedenen historischen Erfahrungen.

Wer von Bohunices Ortsmitte zum Kraftwerk will, trifft rasch auf ein Schild: "Durchfahrt verboten". Nur wer sich angemeldet hat, darf weiterfahren. Gleich danach kommen die nächsten Warnschilder. "Fotografieren nicht erlaubt" steht da - auf Slowakisch und auf Englisch. Am Haupttor des Kraftwerksgeländes schiebt ein Wachposten Dienst. Und damit auch wirklich niemand Lust zum Fotografieren bekommt, ist er bewaffnet. Die Pistole hängt am Gürtel.

Anmeldung hin, Anmeldung her: Im Informationszentrum endet die Gastfreundschaft von Javys, der staatlichen Betreibergesellschaft. Kernkraftwerke im Miniformat sind hier ausgestellt, sie wirken fast wie Spielzeuge. Bauteile aus dem Reaktorherz, Landkarten, Baupläne, Fotos. Eine Besichtigung der Reaktoren? "Kommen Sie wieder, wenn sich die Aufregung gelegt hat. Dann kommt man wieder in das Kraftwerk hinein", sagt Marcela Malovcova, die durch die Ausstellung führt. Nur eine Rundfahrt um das Kraftwerksgelände, die sei möglich.

Man ist besser vorsichtig, wenn man mitten in einem internationalen Konflikt steht.

Dabei schien in Bohunice eigentlich alles klar. Ende des Jahres wurde einer der fünf Reaktoren abgeschaltet, zwei Jahre zuvor ein weiterer. Ihre Stilllegung war eine Voraussetzung dafür, dass die Slowakei am 1. Mai 2004 der EU beitreten durfte.

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