Energieversorgung: Gasstreit: Europa wieder Spielball der Interessen

Energieversorgung
Gasstreit: Europa wieder Spielball der Interessen

Schon wieder guckt Europa in die Röhre: Es kommt immer noch kein Gas. Und das, obwohl Russland am Morgen signalisiert hatte, dass der Gashahn wieder auf ist. Bleibt den Europäern anderes übrig als abzuwarten? Es gibt Alternativen.

HB BRÜSSEL Seit Tagen müssen die Europäer tatenlos mit ansehen, wie Russen und Ukrainer die Gaslieferungen unter immer neuen Vorwänden hinauszögern. Die EU-Energieminister beklagen ihre eigene Unfähigkeit, auf solche Situationen zu reagieren. Kurzfristig haben sie tatsächlich keine andere Möglichkeit als hinzunehmen, dass sie erneut zum Spielball der Interessen Russlands und der Ukraine werden.

Fachleute sehen mindestens fünf Möglichkeiten, die Sicherheit der europäischen Energieversorgung zu erhöhen. So könnten die Europäer mehr Geld in Pipelines zu anderen Gaslieferanten wie Algerien oder Aserbaidschan stecken – das Nabucco-Projekt vom Kaspischen Meer nach Österreich ist ein Beispiel dafür. „Das kann man nicht über Nacht tun“, sagt die Energieexpertin Arianna Checchi von der Brüsseler Denkfabrik Centre for European Policy Studies. Aber, so fügt Checchi hinzu, es würde die Gaszufuhr viel sicherer machen.

Außerdem empfehlen die Experten der EU, die Einfuhr von Flüssiggas per Schiff voranzutreiben. Bisher macht Flüssiggas neun Prozent des europäischen Gasverbrauchs aus. Lieferungen aus Katar könnten die Menge verdoppeln, erklärt Ian Cronshaw von der Internationalen Energie-Agentur (IEA). Zudem könnte Europa noch viel Energie sparen und deutlich mehr Strom aus Wind, Sonne und anderen erneuerbaren Quellen gewinnen. Außerdem sollten die Gasleitungen innerhalb Europas besser vernetzt werden.

Mehr Röhren und Speicher peilen auch EU-Energiekommissar Andris Piebalgs und die Energieminister der 27 EU-Staaten an. Das bestehende System ist schon im Normalbetrieb oft ausgelastet, zusätzliche Lieferungen an besonders betroffene Länder in Krisenfällen sind bisher nicht eingeplant. „Holland war bereit, seine Produktion um zehn Prozent zu erhöhen, konnte es aber nicht, weil die Leitungen voll waren“, sagte ein Fachmann der EU-Kommission in Brüssel.

Beim Öl lasse sich ein Lieferausfall viel leichter ersetzen, seufzte der tschechische Ratsvorsitzende Riman. Die Minister verlangten bei ihrer Krisensitzung in Brüssel, dass Gaslieferungen und -speicherungen durchschaubarer werden. Das gelte sowohl für die Mitgliedstaaten und ihre Industrie als auch für die Herkunfts- und Transitländer wie Russland und die Ukraine. Dafür sollten unter anderem neue Messsysteme installiert werden.

An Ideen mangelt es also nicht, eher am Geld und am Leidensdruck. „Wenn es einfach wäre, hätte man es schon längst gemacht, aber die Regierungen müssen sich darüber klarwerden, dass dies das allerwichtigste Vorhaben ist“, sagt IEA-Experte Cronshaw. Die aktuelle Lieferkrise dürfte beim Nachdenken helfen: Die Produktionsausfälle in den besonders betroffenen EU-Staaten gehen längst in die Millionen.

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