Energieversorgung: Joschka Fischer fordert Putin im Gaspoker heraus

Energieversorgung
Joschka Fischer fordert Putin im Gaspoker heraus

Vor einigen Jahren standen sie noch Schulter an Schulter gegen die USA und deren Irak-Feldzug. Nun sind sie erbitterte Gegner: Ex-Außenminister Joschka Fischer und der russische Ministerpräsident Wladimir Putin. Fischer kämpft für eine Gaspipeline nach Europa - doch Putin will sie unbedingt verhindern. Ein Kampf mit harten Bandagen.
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BERLIN. Die zwei Männer kennen sich aus einer nicht allzu fernen Vergangenheit: Wladimir Putin, ehemals russischer Staatspräsident, und Joschka Fischer, damals Bundesaußenminister, haben oft an einem Strang gezogen - zum Beispiel, als sie sich weigerten, ihre Länder am Irak-Krieg zu beteiligen.

Heute sind Fischer und Putin erbitterte Gegner. Der eine, Putin, ist immer noch Staatsmann, der andere, Fischer, vertritt heute die Interessen der deutschen Energiewirtschaft.

Als politischer Berater versucht der Ex-Grünen-Chef Fischer, die Pipeline Nabucco voranzubringen. Sie soll Gas aus dem kaspischen Raum nach Westeuropa bringen und Europa unabhängiger von russischem Gas machen.

Putin tut alles, um das Projekt zu verhindern. Unter dem Namen South Stream plant er eine konkurrierende Leitung, die aus sibirischen Gasfeldern befüllt werden soll.

Erstmals kommt es nun zum offenen Schlagabtausch: "Nabucco hat immer noch keine garantierten Lieferanten", ätzte Putin jetzt vor internationalen Russland-Experten in Sotschi am Schwarzen Meer. Und was er hinzufügte, klang in den Ohren seiner Zuhörer wie eine Drohung: "Falls Unternehmen dennoch Milliarden Dollar investieren wollen ... dann wünsche ich ihnen Gottes Hilfe."

Fischer kontert im Handelsblatt-Interview: "Die russische Regierung sollte ihre wirtschaftlichen Interessen von politischen Ambitionen befreien." Er glaubt: Für Russland geht es nicht nur um Gas, sondern auch um den Machterhalt in der Region. Im Übrigen, so Fischer, komme Nabucco sehr gut voran.

Beide Seiten sind sichtlich nervös. Für Putin ist Nabucco ein Angriff auf die Hoheit der Russen über den Gasexport nach Westen. Etwa ein Viertel seines Gases bezieht Europa derzeit von dort, und diesen Anteil wollen Putin und der staatliche Branchenriese Gazprom eher noch ausbauen. Nabucco steht diesem Ziel im Weg. Die acht Milliarden Euro teure Pipeline, an der auch RWE beteiligt ist, soll neue Quellen erschließen, Gas etwa aus Aserbaidschan, Turkmenistan oder dem Irak über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich und Deutschland bringen.

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  • Sehr geehrter Dagegen,
    Gas ist nicht nur speziell für Stromgewinnung geeignet, sonder vielmehr für andere Zwecke, wie z.b. (Ammoniak Gewinnung /enthaltener Wasserstoff)
    Aus Erdgas lässt sich durch einfaches Verfahren Wasserstoff gewinnen und übrigens sogar in großer Menge was vor allem kostengünstig ist.
    Deutschland kann auch ohne Erdgas Strom erzeugen, wie Uran oder Kohle.
    Dieses Projekt kann nur durch Zustimmung Russlands gelingen. Vergessen Sie aber auch nicht die strebende Atommacht iran in dieser Region. Die südlichen GUS-Staaten werden nie wollen sich los zu reisen von Russland, daher haben sie auch ein Abkommen unterzeichnet. Aber auch China ist Gefahr für diese Länder ohne Russland. ich kann mir nur vorstellen, das durch zwei Pipelines Gas fließt, aber trotzdem unter Monopol-Riesen Gasprom

  • Europa endet am Pazifik. Nur eine starke Achse berlin - Moskau kann langfristig Wohlstand und Frieden in Europa sichern. Die Verweigerung der Neutralität Deutschlands bei der Wiedervereinigung und das brechen aller Versprechen mit der Erweiterung der NATO nach Osten sind die größten geostrategischen Fehler der jüngsten Vergangenheit.
    Es herrscht immer noch das Russland Feindbild. Stattdessen sollten wir sie ins boot nehmen und gemeinsam Vielfalt und Wohlstand in einem freiem Europa entwickeln. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die größten Gefahren unseres Wohlstands an den börsen in NY und London sind. Die Russen sind 1990 aus Ostdeutschland abgezogen. Für die 80.000 amerikanischen und britischen Truppen zahlen wir immer noch jährlich 3 Milliarden Euro Stationierungskosten.

  • Ein grosser Teil des in die EU importierten Erdgases wird in Kraftwerken verbrannt - zur Zeit sind das rund 180 Mrd. Kubikmeter pro Jahr. Der Transport des Gases nach Europa verschlingt ungefähr genausoviel Energie, wie hier ankommt. Warum nicht statt der Pipeline eine Hochspannungs-Gleichstrom-Trasse gelegt wird und beim Lieferanten vor Ort Gasturbinen installiert werden - was im Rahmen von DeserTec sowieso kommen wird - ist mir völlig unverständlich. Die CO2-Ersparniss wäre gewaltig, denn Strom zu transportieren braucht auf diese Entfernung nur etwa ein Fünftel dessen an Energie, was der Gastransport kostet. Ebenfalls könnte dann noch das eine oder andere Kohlekraftwerk stillgelegt und für Notzeiten konserviert werden. Die CO2-Ersparniss pro erzeugter kWh wäre ähnlich. Gleichzeitig stiege unsere Versorgungssicherheit im Falle politischer Streitereien unter den Lieferanten, denn die europäischen Gasspeicher liefen dann nicht mehr chronisch auf Reserve, sondern sie wären bestens gefüllt. Aber vermutlich interessieren sich weder Fischer noch Putin wirklich für die Versorgungssicherheit Europas.

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