Energieversorgung
Russen finden ihr Öl zu billig

Vor wenigen Tagen drohte der russische Gasgigant Gazprom damit, EU-Staaten die Leitung zuzudrehen, wenn sie sich seinen Expansionsgelüsten in den Weg stellen sollten. Nun schickt auch die russische Ölbranche unfreundliche Signale gen Westen: Europa sei überversorgt, die Ware daher zu billig.

HB MOSKAU. Der Chef des russischen Pipeline-Monopolisten Transneft, Semyon Wainschtok, sagte der Moskauer Zeitung „Nesawisimaya Gaseta“: „Wir haben Europa mit Öl überversorgt. Und jede einfache wirtschaftliche Logik sagt, dass exzessive Versorgung die Preise drückt. Bislang können wir die Versorgung nicht verringern, weil alle unsere Ausfuhren nach Europa gehen. Aber sobald wir Das Öl nach China, Südkorea, Australien und Japan umleiten, wird dies sofort Öl bei unseren europäischen Kollegen abziehen.“

Wainschtok hat wiederholt erklärt, dass der Bau der Pipeline nach Asien Russland dabei helfen werde, russisches Öl anders zu verteilen und auch zum Abbau von Preisabschlägen für Europa beitragen werde. Die Pipeline mit einer Länge von mehr als 4000 Kilometern von Sibirien bis zur Pazifik-Küste soll elf Milliarden Dollar kosten und nach Fertigstellung 1,6 Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) Öl pro Tag durchleiten.

Der Bau des ersten Teils bis zur russischen Stadt Skoworodino, nahe der chinesischen Grenze, soll bis 2008 abgeschlossen sein. Ein Streckenabschnitt ist auch nahe des sibirischen Baikalsees geplant. Umweltschützer sehen die Pipeline daher wegen möglicher Ölverschmutzungen als Gefährdung für Tiere und Pflanzen der Region.

Die russische Regierung versuchte auf der Hannover Messe am Montag, die Wogen im Rohstoff-Streit zu glätten. „Russland ist ein sicherer und verlässlicher Partner“, sagte Vize-Ministerpräsident Dmitri Medwedew, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender von Gazprom ist. Russland wolle mit Deutschland auch künftig eine Energiepolitik abstimmen, die beiden Seiten gerecht werde, fügte er hinzu. Ein wichtiges Beispiel der guten Zusammenarbeit sei die Ostsee-Pipeline, durch die ab 2010 Erdgas von Russland nach Deutschland fließen soll.

In der vergangenen Woche hatte Gazprom-Chef Alexej Miller mit Äußerungen über mögliche Alternativen zum europäischen Gasgeschäft bei der Europäischen Union (EU) Sorgen vor einer zu großen Abhängigkeit von Russland verstärkt. Miller äußerte sich, nachdem die britischen Wettbewerbshüter schärfere Regeln für Firmenübernahmen vorgeschlagen hatten. Vorausgegangen waren Spekulationen, Gazprom könne ein Angebot für den größten britischen Gasversorger Centrica vorlegen. Gazprom bemüht sich seit längerem darum, in Westeuropa Anteile an Gasversorgern zu kaufen, um sich auch am lukrativen Endkundengeschäft zu beteiligen.

Unter anderem bemüht sich Gazprom seit rund einem Jahr um eine Beteiligung am geplanten größten deutschen Gaskraftwerk, das bei Greifswald entstehen soll. Die von der Concord Power GmbH geplante Anlage mit einer Leistung von 1200 Megawatt würde Gazprom auch einen weiteren Nutzen aus der Ostseepipeline ziehen lassen. Die Leitung soll unweit von Greifswald die deutsche Küste erreichen.

Allerdings stehen die Dinge eher schlecht für die Russen: Concord-Chef Heiko von Tschischwitz erklärte am Montag, nachdem man bisher exklusiv mit Gazprom verhandelt habe, wolle man sich nun wieder anderen Interessenten öffnen. Es gebe zwar keine Differenzen, aber die Verhandlungen mit Gasprom hätten sich in letzter Zeit „schwierig“ gestaltet. Es gebe eine Reihe von „internationalen Playern“ aus Frankreich, England oder Italien, die wüssten, welchen Wert eine Beteiligung an diesem Standort habe.

Die neuerlichen Drohungen aus Moskau dürften den Druck auf Politik, Unternehmen und Verbraucher in den europäischen Abnehmerländern verstärken, neue Quellen für Energie-Importe zu erschließen, alternative Methoden zur Energieerzeugung zu forcieren und effizienter mit Strom und Brenn- und Treibstoffen umzugehen.

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