Enfant terrible
Boris Johnson – Londons Politclown macht mobil

Es gibt nur wenige Politiker, die ähnlich schmerzfrei sind wie der Londoner Bürgermeister Boris Johnson. Seinen Job betrachtet der 44-Jährige als Traumberuf. Schade sei nur, dass er nicht mehr wie früher als Journalist alles und jeden beleidigen dürfe. Doch hinter der Fassade des Clowns steckt ein knallharter Kämpfer für die Rechte der City.
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LONDON. Mit verbalen Entgleisungen hat der Politiker, der am liebsten mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, und dessen Frisur an einen nassen Wischmopp erinnert, tatsächlich jede Menge Erfahrung. Die südenglische Stadt Portsmouth bezeichnete er einmal als „depressiven Ort mit zu vielen Drogen, Dicken, Faulenzern und Labour-Abgeordneten“. Als Chefredakteur der konservativen Zeitschrift „Spectator" verglich er die Intrigen der konservativen Partei mit „Menschenfresserorgien in Papua-Neuguinea“ und musste sich gleich bei einem ganzen Land entschuldigen.

Johnson gefällt sich in der Rolle des exzentrischen Enfants Terribles der konservativen Partei, doch seine Freunde und vor allem seine Gegner wissen, dass hinter der Fassade des Polit-Clowns aus der Oberklasse ein knallharter Kämpfer steckt.

Das haben jetzt auch die EU-Politiker erfahren, die nach der Finanzkrise Hedge-Fonds und Beteiligungsgesellschaften strenge Regeln auferlegen wollen. Viel zu strenge Regeln findet Johnson. Regeln, die der Londoner City, die immerhin in guten Zeiten für zehn Prozent der britischen Wirtschaftsleistung verantwortlich war, die Luft abwürgen dürften. Deshalb machte sich Johnson persönlich auf den Weg nach Brüssel, um EU-Kommissar Charlie McGreevy und den Abgeordneten des EU-Parlaments die Leviten zu lesen. Johnson wittert hinter den Brüsseler Regeln ein Komplott mit „protektionistischen Tendenzen“. Die EU- Pläne bezeichnete er als „enorm schädlich“ für seine Stadt, eine ebenso knappe wie zutreffende Formulierung. Denn London ist Heimat von 80 Prozent aller europäischen Hedge-Fonds und 60 Prozent aller Beteiligungsgesellschaften – und die beschäftigen insgesamt 50 000 Menschen. Der Brüsseler Regulierungsentwurf, der unter anderem Vorschriften zur Mindestkapitalausstattung und eine Verschuldungsgrenze enthält, hat in der City für einen Aufschrei der Empörung gesorgt. Einige der größten Londoner Hedge-Fonds haben sich deshalb zu einer Lobby-Gruppe zusammengeschlossen. Sie fürchten eine Massenflucht aus London, falls die EU-Vorlage eins zu eins verabschiedet wird. Der Branchenverband Alternative Investment Management Association kritisiert die Vorschläge als „stümperhaft“, und „übereilt“.

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