Entführte Schweizer
Lybisches Schachspiel geht weiter

Das Tauziehen um zwei Schweizer Geschäftsleute geht in die nächste Runde: Lybien wird nach Ansicht von Beobachtern den Druck auf die Eidgenossen schrittweise erhöhen, aufgrund des Minarett-Vortums kann Bern keine Unterstützung aus der islamischen Welt erwarten.
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HB BERN. Im Streit um zwei in Libyen seit anderthalb Jahren festgehaltene Schweizer Geschäftsleute erwartet der Libyenkenner Jean Ziegler hohe Lösegeldforderungen. Dagegen habe die Schweiz jetzt nach der Abstimmung zum Minarettverbot überall in der Welt einen schweren Stand. „Die Schweiz war in der islamischen Welt noch nie so schlecht angeschrieben. Libyen kann darauf bauen, dass sie von dort keine Unterstützung erhält“, sagte der international renommierte Genfer Soziologieprofessor und Uno-Experte am Mittwoch im Schweizer Rundfunk DRS. Die beiden Geschäftsleute waren von einem Gericht zu je 16 Monaten Haft und einer Geldstrafe in Höhe von je 2000 Dinar (etwa 1090 Euro) wegen Visa- und Steuervergehen bestraft worden.

Emmanuel Altit, Anwalt der ebenfalls früher in libyscher Geiselhaft festgehaltenen bulgarischen Krankenschwestern, forderte die Schweiz auf, Einspruch gegen das Urteil einzulegen und Anwälte einzuschalten. „Im Moment ist meines Wissens nach kein internationaler Jurist engagiert. Das ist nicht seriös“, sagte Emmanuel Altit in einem Interview mit der Zeitung „Le Matin“.

Für den französischen Anwalt muss die Schweiz „die Regeln des libyschen Spiels lernen“. Die beiden Schweizer würden erst an dem Tag freigelassen, „an dem die Libyer mehr Nachteile als Vorteile haben, sie zu behalten“, fügte er an. In dieser Schachpartie genüge es nicht, Visabestimmungen zu verschärfen oder libysche Staatsangehörige nicht am Weltwirtschaftsforum 2010 in Davos teilnehmen zu lassen.

Die Verurteilung der beiden Schweizer zu 16 Monaten Gefängnis sei kein Zufall, würden diese doch seit 16 Monaten zurückgehalten, fügte er an. Das sei typisch für Libyen. Das Gericht hätte beispielsweise die bulgarischen Krankenschwestern ausgerechnet am 25. Dezember, an Weihnachten, zum Tode verurteilt, erinnerte Altit. Sie wurden acht Jahre in Tripolis festgehalten, bevor sie frei kamen.

Bei den jetzt Verurteilten handelt es sich um den Chef der libyschen Niederlassung von ABB, Max Göldi (54), sowie um Rachid Hamdani (68), der als leitender Angestellter eines mittelständischen Unternehmens aus der Schweiz in Libyen arbeitete. Die beiden Geschäftsleute waren für einige Wochen an einen den Schweizer Behörden unbekannten Ort gebracht worden, weil Libyen angeblich ihre gewaltsame Befreiung durch die Schweiz befürchtete. Jetzt halten sie sich wieder in der Schweizer Botschaft auf. Das Schweizer Außenministerium äußerte sich zum weiteren Vorgehen zunächst nicht.

Die beiden Geschäftsleute wurden nach Einschätzung der Schweizer Regierung im Zusammenhang mit der Affäre Gaddafi festgehalten. Hintergrund des Streits zwischen beiden Ländern ist offenbar die Verärgerung des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi über eine vorübergehende Festnahme seines Sohnes Hannibal und seiner Schwiegertochter am 15. Juli 2008 in Genf. Diese sollen Hausangestellte misshandelt haben, was sie bestreiten.

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  • Wo liegt denn bitte schön Lybien?!!!

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