Enthüllungen aus den Krisenjahren
Griechenland am „Tor zur Hölle“

Riesige Haushaltslöcher, geheime Bargeldlieferungen in Milliardenhöhe: Griechenland stand in den Krisenjahren mehrfach vor dem Zusammenbruch. Eine Dokumentation der Zentralbank enthüllt bislang unbekannte Details.
  • 2

AthenAm 10. Juni 2010 startete eine Hercules-Transportmaschine der griechischen Luftwaffen vom Stützpunkt Eleusis westlich Athens. Ziel der viermotorigen C-130, wie der Flugzeugtyp bei der Nato genannt wird, war ein Militärflugplatz in der Nähe von Rom. Dort wartete bereits eine wertvolle Ladung.

Gabelstapler hievten mehrere auf Holzpaletten fest verzurrte Frachtstücke über die Rampe in den Rumpf des Luftfrachters. Nicht einmal die Piloten der Hercules ahnten, was sie an Bord hatten, als sie wenig später den Rückflug über die Adria nach Eleusis antraten.

Es waren Hilfsgüter der besonderen Art. Das Flugzeug transportierte 15 Millionen Banknoten – Fünfzig- und Hunderteuroscheine, säuberlich gebündelt und in Folie eingeschweißt. Gesamtwert: 1,5 Milliarden Euro. Das Geld kam von der italienischen Zentralbank und war für die Notenbank in Athen bestimmt, die Bank von Griechenland. Sie hoffte mit dem Geld den drohenden Zusammenbruch des griechischen Bankensystems abzuwenden.

Sechs Wochen zuvor hatte der griechische Premier Giorgos Papandreou einen Offenbarungseid geleistet und um Hilfskredite der EU gebeten. Ein Versuch Griechenlands, sich am Kapitalmarkt Geld zu besorgen, war gerade erst kläglich gescheitert: Athen wollte eine Milliarde Euro aufnehmen, bekam aber nur Angebote über 390 Millionen. „Der Moment ist gekommen, wir brauchen Hilfe“, erklärte Papandreou mit versteinerter Miene vor den Fernsehkameras. Das Land stand am Abgrund des Staatsbankrotts.

In einem Buch mit dem Titel „Die Chronik der Großen Krise 2008-2013“ hat die Bank von Griechenland jetzt die dramatischen Ereignisse jener Zeit aus Sicht der Zentralbank dokumentiert. Der scheidende Notenbankchef Giorgos Provopoulos legte die Schrift diese Woche vor. Er habe in jener Zeit oft nicht gewusst, mit welcher Währung er schlafen geht und mit welcher er am nächsten Morgen aufwachen werde, erinnert sich Provopoulos. er Verlust des Euro und die Rückkehr zur Drachme seien eine reale Gefahr gewesen. Mit einem Ausscheiden aus der Währungsunion hätten sich für Griechenland „die Tore zur Hölle geöffnet“, sagt Provopoulos.

So dachten offenbar viele Griechen. Bereits im Februar 2010, als die erst vier Monate zuvor gewählte Regierung Papandreou erste Einschnitte wie Rentenkürzungen und Steuererhöhungen bekanntgab, wurde vielen Menschen klar, wie ernst die Lage war. Sie begannen, ihr Geld von den Banken abzuziehen. Teils wurde das Geld ins Ausland transferiert, teils in Schließfächern gebunkert oder in den Wohnungen versteckt. Im Laufe des Jahres 2010 verloren die griechischen Banken so Einlagen von rund 30 Milliarden Euro oder 13 Prozent des Depositenbestandes.

Kommentare zu " Enthüllungen aus den Krisenjahren: Griechenland am „Tor zur Hölle“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Was für eine Milchmädchenrechnung. Genauso könnte ich heute die Zahlungen an die Arbeitnehmer in einem Betrieb einstellen, und hätte dann zwar einen „primär Überschuss“ aber die Mitarbeiter wären verhungert.

    Auch wenn man uns in Deutschland immer dieselben Märchen auftischt, die verheerenden Folgen, der Sparprogramme würden sich jetztzahlen angeblich aus? Für wen eigentlich?

    Die "Schulden" sind doch tatsächlich noch gestiegen, alles andere wäre auch ein Wunder. Wenn ich sämtliche Löhne, zu 30 % kürze, über Monate die Gehälter nicht mehr zahle, keine Kranken mehr behandele, Renten bis zu 50% kürze, und über Monate nicht auszahle, ja dann aber nur dann hat man zwar einen primär Überschuss, ansonsten nämlich genau das Gegenteil.
    Diese Propaganda wird in Europa, insbesondere in Deutschland verbreitet, um zu belegen, die Sparmaßnahmen zeigten Wirkung, in Wirklichkeit verschlimmert sich die Situation von Tag zu Tag. So wie in Deutschland, von dem sog. „Jobwunder“ gesprochen wird, obwohl man weiß, dass 7 Mio. Menschen deshalb von ihrer Arbeit nicht mehr überleben können?

    Griechenland braucht einen Schuldenschnitt, genau solch einen Schuldenschnitt, wie es Deutschland nach dem Zusammenbruch auch bekommen hat.

  • Wenn das Buch das Ende der Krise signalisieren soll, ist es fehl am Platz. Sieht man von der verheerenden Situation im Arbeitsmarkt, im Gesundheitswesen sozusagen in allen sozial relevanten Bereichen ab, dürfte Griechenland laut jüngstem Griechenlandbericht des IWF auch nach dem üblichen Kriterium, dem Abbau seines Schuldenbergs nicht schnell genug gewesen und auf weitere finanzielle Erleichterungen angewiesen sein.

    Der IWF-Analyse zufolge dürfte der Schuldenstand von 174 Prozent in diesem Jahr auf 117 Prozent im Jahr 2022 sinken, laut Kommission auf 112 Prozent – angedacht waren ursprünglich deutlich unter 110 Prozent. In gewisser Weise ist es geradezu faszinierend, wie die Troikaverantwortlichen meinten und meinen, mit den immer gleichen Rezepten die griechische Staatsverschuldung unter 100 Prozent zu bekommen und damit eine Schuldentilgung einzuleiten. Die optimistischen Grafiken von 2010 gleichen denen von 2014 in entlarvender Weise und zeigen wie wenig Kommission, EZB und IWF trotz zwischenzeitlichem Schuldenschnitt gelernt haben:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%