Enthüllungsbuch
Von tapferen Soldaten und feigen Politikern

Wie einsatztauglich ist die Bundeswehr? Wie schlagen sich unsere Soldaten wirklich in Afghanistan? Die deutsche Bevölkerung bekommt auf solche Fragen nur unzureichende Antworten, sagen Julian Reichelt und Jan Meyer. Die beiden Kriegsreporter haben ihre jahrelangen Erfahrungen nun aufgeschrieben. Herausgekommen ist ein enthüllendes Buch, spannend wie in Krimi.
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DÜSSELDORF. Zwei Dosen Bier am Tag sind erlaubt. Ärger gibt es lediglich, wenn die Soldaten bei der Mülltrennung nicht aufpassen. Unabhängig von der Tatsache, dass die Afghanischen Helfer den Dreck außerhalb des Lagers ohnehin wieder zusammenwerfen. Jahrelang hatten die deutschen Soldaten bei ihren Nato-Verbündeten nicht den besten Ruf. Verkriechen würden sie sich im sicheren Norden Afghanistan. "Bad Kunduz" nannten sie ihren Stützpunkt selbst.

Die Zeiten sind vorbei. Deutsche Soldaten kämpfen und sterben. Inzwischen befinden sie sich auch im politischen Sprachgebrauch im "Krieg". Julian Reichelt kennt ihren Alltag. Der "Bild"-Chefreporter verbringt viele Monate im Jahr im Krisengebiet. Unter Lebensgefahr hat er Soldaten begleitet. Kennt ihre Meinung, ihre Nöte mit der Bürokratie und weiß, was ihnen an Ausrüstung fehlt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jan Meyer hat Reichelt nun ein aufrüttelndes Buch geschrieben. In "Ruhet in Frieden, Soldaten. Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan verschweigen" legen sie offen, was die deutsche Bevölkerung aus Sicht des Verteidigungsministeriums lange Zeit nicht wissen sollte.

Die Kritik entzündet sich vor allem am ehemaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) - auch wenn sein Vorgänger Peter Struck (SPD) schon vieles verkehrt gemacht habe. Deutschland sei schlicht "nichts kriegsfähig". Nicht die Bevölkerung, nicht die Politiker und auch nicht die Institution Bundeswehr. Die Autoren beklagen die "vielen Karriereoffiziere", die beim Überbringen von schlechten Nachrichten nicht befördert würden.

Die "irrsinnige Bürokratie" koste nicht nur Nerven, auch Leben. Aber das wesentliche sei die falsche Wahrnehmung. Im Juni 2003 fuhr ein Bus mit deutschen Soldaten zum Flughafen. Es sollte nach Hause gehen. Der Bus aus "Trompetenblech" war ein Symbol: Wo man in einem solchem Bus herumfährt, kann kein Krieg sein. Peter Struck wollte als damaliger Verteidigungsminister keine Fahrlässigkeit erkannt haben. Von den 33 Soldaten starben vier, 29 wurden verletzt. Heute ist es längst selbstverständlich, gepanzerte Fahrzeuge zu verwenden.

Es geht auch um die Frage, warum Oberst Klein den Bombenangriff auf die Tanklastzüge im September 2009 befohlen hat. Die Autoren geben ihm nicht die alleinige Schuld: "Nicht er hat die Situation geschaffen, die ihm so ausweglos erschien, sondern die Politik in Berlin." Hilflosigkeit und Frust über die Unzulänglichkeiten der eigenen Möglichkeiten hätten ihn dazu gebracht.

Und die Öffentlichkeit wurde aus Sicht der beiden Journalisten mit jedem Toten mehr hinters Licht geführt. "Die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium verhinderten über Jahre hinweg nahezu jegliche realistische Berichterstattung über den Alltag der deutschen Soldaten in Afghanistan." An dieser Stelle verraten sich die Autoren ein Stückweit selbst. Zwar schreiben sie ein Buch, indem sie vorgeben, viele Dinge zu wissen, aber warum durften sie dann damals nicht selbst darüber schreiben? Schließlich ist die Bild-Zeitung durchaus in der Lage, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen und Debatten anzustoßen.

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  • Dann sollen die beiden Reporter mal auf die Hardthöhe gehen, dann wissen sie warum es bei der bW an vielem mangelt.
    Ja, Mülltrennen ist wichtiger und selbst im Kriegseinsatz gilt für die Fahrzeuge die TÜV-Plakette, egal ob das Auto noch in Ordnung ist udn fährt.
    Das Vert.-Ministerium auf der Hardthöhe ist ein bürokratischer Sauerhaufen. Da sitzen 3000 Leute, die Mehrheit Zivilisten, die noch nie eine Kaserne von innen gesehen haben.
    Junge und jüngere Offiziere, bestens ausgebildet werden dort "geparkt" und müssen dann völlig unsinnige Arbeiten tun, die mit ihrem beruf nichts zu tun haben.
    Man bildet teuer Zeitsoldaten aus, Studium, weitere Ausbildung usw. und setzt sie dann nicht richtig ein. Und wehe einer ist mal ein Querdenker, schnell befördert wird nur der Stiefellecker.
    Das alles muß zu Guttenberg ändern, denn der bW laufen die guten jungen Offiziere davon.
    Mein Sohn selbst, der mal aus voller Überzeugng Offizier wurde, hat sich letzte Woche nach 15 Jahren verarbschiedet, weil man vor lauter bürokratie eigenltich gar nicht seinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt wird.
    Und was Afghanistan betrifft, so sollte endlich mal ein Gespräch mit den Amerikanern statt finden. Nicht jeden Unsinn muß man mitmachen.
    Das ist ein Krieg, der so unsinnig ist, dass es um jeden toten Soldaten der NATO-Truppen schade ist.
    Wir sollen dort den islamischen Terrorismus bekämpfen und holen uns -weil wir ja soooo tolerant sind- die islamisten doch selbst ins Land. Hier werden sie dann mit Hartz iV gehätschelt und der Verf.-Schutz üerwacht ein bißchen. Also eine AbM-Maßnahme für den Verf.-Schutz. Was für ein Zynismus unseren Soldaten und auch uns gegenüber.
    Und die Kanzlerin sollt den Trauerfeiern fern bleiben, denn sie mußt ja quaisi eerst gezwungen werden dorthin zu gehen.
    ich glaube, auf so etwas kann jede Mutter eines toten daten verzichten

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