Enthüllungsseite Mediapart
Gefürchtet bei Politikern

Die Enthüllungsseite Mediapart steht im Mittelpunkt der Cahuzac-Affäre. Die kleine französische Website brachte den Fall um den ehemaligen Budgetminister Jérôme Cahuzac ins Rollen. Wer steckt hinter dem Online-Portal?
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Paris„Beweise sind nicht die Worte eines Journalisten, sondern eines Staatsanwaltes“, sagt Edwy Plenel. Der 60-jährige Journalist mit dem buschigen Schnauzbart steht seit Tagen neben dem ehemaligen Budgetminister Jérôme Cahuzac in Frankreich im Mittelpunkt. Plenel ist der Gründer der französischen Website „Mediapart“, die die Cahuzac-Affäre ins Rollen brachte.

Die kleine französische Website, bekannt für investigative Recherche, wird gefürchtet. Sie brachte schon hochrangige Politiker zu Fall. Konservative und Sozialisten waren beide davon betroffen. Im Dezember berichtete sie über Cahuzacs illegales Konto in der Schweiz. Das Internet-Medium behauptete, im Besitz einer Telefonaufzeichnung zu sein, auf der Cahuzac einem bisher nicht bekannten Gesprächspartner erklärt, ein Konto in der Schweiz eröffnet zu haben und dieses zu bedauern. Cahuzac stritt alles ab und drohte Mediapart nach der Enthüllung mit einer Klage wegen Verleumdung. Doch die Staatsanwaltschaft hat danach die Ermittlungen aufgenommen. Zeugen haben die Authentizität der Aufnahme bestätigt und Cahuzac trat zurück.

Mediapart ist aber auch der Urheber für zwei andere prominente Ermittlungen, diesmal aus der konservativen Partei. Die Internet-Plattform hatte die Bettencourt-Affäre um illegale Parteispenden aufgedeckt. Der damalige Arbeitsminister Eric Woerth musste zurücktreten, gegen Ex-Präsident Nicolas Sarkozy wird in der Affäre auch ermittelt.

Plenel, der 25 Jahre bei der Tageszeitung „Le Monde“ war, zuletzt als Chefredakteur, gründete die Mediapart mit drei Kollegen im Jahr 2008. Seitdem arbeiten dort viele Journalisten von „Le Monde“ und „Liberation“. Mediapart hat sich innerhalb kurzer Zeit als führendes Internetmedium in Frankreich entwickelt. Das Portal hat mittlerweile 45 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von sechs Millionen Euro. Die Internetzeitung ist seit zwei Jahren rentabel: Im vergangenen Jahr wurde nach eigenen Angaben ein Gewinn von 700.000 Euro erwirtschaftet. Mediapart hat 65.000 Abonnenten, die meisten Artikel sind kostenpflichtig. Unter den Abonnenten sind auch Politiker wie Präsident François Hollande und Ex-Premierminister Dominique de Villepin.

Mediapart wird gefürchtet, bewundert und wegen seiner Methoden oft auch angeprangert, sowohl von Politikern, als auch von Journalisten selbst. Politiker kritisierten schon die „antidemokratischen Methoden“ der Internetseite. Das Satireblatt „Le Canard enchainé“, sonst für die Aufdeckungen zuständig, wirft Mediapart „Denunziantentum“ vor. Jean-Michel Apathie, Radioreporter von RTL, belachte die Recherchen zu Cahuzac als „Witzboldjournalismus“ und forderte Beweise.

Doch Plenel nimmt sich heraus, was andere etablierte Zeitungen nicht wagen. Die müssten mehr auf ihre private Aktionäre achten und würden mehr von der Politik kontrolliert, sagt er. Plenel ist dagegen gnadenlos und hartnäckig. Er betonte, es gebe „keine Entschuldigung“ für Hollande. Seit Dezember seien die Informationen über Cahuzac bekannt gewesen. Der Journalist versteht sich als Aufklärer: „Weil eine kleine Redaktion stur blieb, ist diese Geschichte ans Licht gekommen.“ Das sei nicht normal, es zeige, dass die Demokratie in der Krise sei.

Kommentare zu " Enthüllungsseite Mediapart: Gefürchtet bei Politikern"

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  • „Weil eine kleine Redaktion stur blieb, ist diese Geschichte ans Licht gekommen. Das sei nicht normal, es zeige, dass die Demokratie in der Krise sei."

    Vergleich: Deutschland vs. Frankreich / Medien

    Bei uns wird investigativer Jounalismus gerne in die rechte Ecke gedrängt, als Verschwörungstheorie belächelt oder schlicht mit Dummheit abgetan, in FRA wird´s Witzboldjournalismus genannt.
    Neuestes Beispiel: störsender.tv

    Hut ab @ Handelsblatt, das ist ein mutiger Artikel.

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