Entlastung durch die UN?
Irak-Krise: Bush unter Zugzwang

US-Präsident George W. Bush ist zwar noch offiziell im Urlaub, aber seit dem Bombenanschlag auf das UN-Quartier in Bagdad steht er in ständigem „Krisenkontakt“ mit seinen Sicherheitsstrategen. Der Republikaner - darin sind sich unabhängige Experten einig - ist an einem kritischen Moment seiner Amtszeit angelangt. Ausgerechnet die so ungeliebten Vereinten Nationen könnten ihm unter Umständen eine Flucht nach vorn ermöglichen.

HB/dpa WASHINGTON/NEW YORK. Spätestens seit am Dienstag die Bilder des zerbombten UN-Gebäudes in Bagdad um die Welt gingen, lässt sich nicht mehr verheimlichen, dass die Truppen der Besatzerkoalition - rund 140 000 allein aus den USA und knapp 22 000 aus weiteren Ländern, vor allem Großbritannien - nicht ausreichen, um im Irak die Sicherheit zu gewährleisten. Mindestens 300 000 Soldaten wären dafür nach Überzeugung von James F. Dobbins, einst Afghanistan-Sonderbotschafter der Bush-Regierung, im Irak erforderlich.

Befürwortern einer erheblichen Aufstockung der US-Truppen im Irak erteilte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld umgehend eine Abfuhr. Die Kapazitäten des US-Militärs sind durch den Irak-Einsatz extrem strapaziert. Das Pentagon will keine weitere Ausdünnung seiner Landstreitkräfte in der Heimat oder in anderen strategisch wichtigen Gebieten riskieren.

Jede größere Verstärkung der eigenen Truppen im Irak wäre zudem ein unpopulärer Schritt, den Bush im spürbar schärfer werdenden Wahlkampf vermeiden will. Die Lösung wäre ein überzeugendes Engagement von Staaten wie Indien, Pakistan, der Türkei und Ägypten. „Was im Irak gebraucht wird, um Ruhe und Ordnung herzustellen, sind vor allem tausende Moslems in Uniform“, sagt ein ägyptischer Diplomat bei den Vereinten Nationen in New York. „Vor allem solche, die arabisch sprechen.“

Selbst Soldaten aus Indien, von denen die meisten Hindus wären und mit den Irakern auch nur englisch sprechen könnten, wären den USA hoch willkommen. 18 000 Mann würde allein die Regierung in Delhi schicken, wenn es denn ein Mandat der Weltorganisation gäbe. „Wenn die Inder dabei wären, würde Pakistan mitmachen und arabische Nachbarländer des Iraks würden dann auch bald im Boot sein“, sagt ein hochrangiger UN-Diplomat.

Um das zu erreichen hat Bush seinen Außenminister in die UN-Spur gesetzt. Colin Powell wirbt bei seinen Amtskollegen des Mitgliedsländer des Sicherheitsrates, darunter auch Deutschland, für eine neue Irak-Resolution. Sie soll zu Beiträgen der internationalen Gemeinschaft für die Befriedung des Iraks aufrufen - allerdings nur unter dem Kommando der USA.

Eine erste Debatte des Sicherheitsrates zeigte, dass die wiederentdeckte Zuneinigung Washingtons zu den UN nicht auf ungeteilte Gegenliebe stößt. Die Vertreter Frankreichs, Russlands und auch Deutschlands machten den USA klar, dass sie mit der Annahme einer derartigen Resolution nur rechnen könnten, wenn den Vereinten Nationen ganz erheblich größere Entscheidungsbefugnisse im Irak eingeräumt werden.

Das aber lehnt die einflussreiche Rumsfeld-Fraktion strikt ab. „Die politische Situation gleicht jener vor dem Irak-Krieg“, sagt ein westeuropäischer Diplomat. Die Fronten seien wie damals völlig verhärtet. „Powell soll uns ins Boot holen, aber er kann uns keine Mitsprache bieten, also steigen wir nicht ein.“ Ein UN-Diplomat Frankreichs ging weiter: Es sei geradezu „zynisch“, dass die USA nun versuchten, aus dem Terroranschlag gegen die UN in Bagdad „Vorteile zu ziehen“, sagte er der „New York Times“.

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