Entlastung für Wasserstraße
Russland sucht Kontrolle über „Bosporus-Bypass“

Russland, Bulgarien und Griechenland haben das seit langem angedachte Projekt einer Pipeline durch die Schwarzmeerregion endlich auf den Weg gebracht. Die Ölpipeline soll die durch Tanker stark überlastete Wasserstraße des Bosporus entlasten. Allein über die Kontrolle herrscht Uneinigkeit.

ATHEN. Seit 15 Jahren wird das Projekt diskutiert, jetzt kommt es endlich in Gang: Regierungsvertreter aus Russland, Bulgarien und Griechenland haben gestern im bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas einen Vorvertrag über den Bau einer Ölpipeline unterzeichnet, die von Burgas zum griechischen Hafen Alexandroupolis führen soll. Die Kosten des Vorhabens werden auf rund 700 Mill. Euro beziffert. Die geplante Rohrleitung soll eine Alternative zu den Tankertransporten durch den überlasteten Bosporus und die Dardanellen sein. Russland, das bisher einen Großteil seiner Ölexporte aus der Schwarzmeerregion durch die Meerengen verschifft, bekommt mit der Pipeline eine wichtige neue Route für seine Erdöltransporte nach Europa.

An dem Unternehmen The International Project Co., das die Pipeline bauen und betreiben soll, sind die russischen Konzerne Gazprom-Neft, Rosneft und TNK-BP, die bulgarischen Staatsunternehmen Bulgargaz und Terminal Universal Burgas sowie die griechischen Unternehmen Prometheus Gas, Hellenic Petroleum und Petrola beteiligt. Die russischen Unternehmen halten 51 Prozent der Anteile, die bulgarischen und griechischen Partner jeweils 24,5 Prozent.

Die 285 Kilometer lange Rohrleitung, die voraussichtlich 2010 in Betrieb gehen soll, wird anfangs pro Tag rund 700 000 Fass Rohöl vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer transportieren. Im Endausbau könnte die Kapazität auf eine Million Fass gesteigert werden. Durch den Bosporus werden zurzeit im Durchschnitt etwa 3,1 Millionen Fass (422 000 Tonnen) täglich verschifft.

Die Planungen für die Röhre gehen zurück bis ins Jahr 1992. Experten der griechischen Latsis-Gruppe, die unter anderem im Tanker- und Raffineriegeschäft tätig ist, prognostizierten damals einen starken Anstieg der Ölexporte aus Russland und den anderen GUS-Staaten. Ein Großteil dieser Ausfuhren würde von den russischen, ukrainischen und georgischen Ölhäfen am Schwarzen Meer durch den Bosporus und die Dardanellen ins Mittelmeer verschifft werden, kalkulierten die Fachleute.

Diese Prognose hat sich bestätigt. Allein seit 2001 haben sich die Tankerpassagen durch die Meerengen verdreifacht. Der Bosporus ist inzwischen chronisch überlastet. Weil Tanker die schmale, kurvenreiche Wasserstraße nur bei Tageslicht, guter Sicht und günstigen Windverhältnissen passieren dürfen, müssen die Schiffe insbesondere während der Wintermonate oft Tage lang im Schwarzen Meer auf die Durchfahrt warten. Fachleute beziffern die Verluste, die allein Russland durch diese Verzögerungen entstehen, auf mehrere hundert Mill. Dollar pro Jahr.

Über die Beteiligungsverhältnisse an der geplanten Pipeline wurde seit Jahren gestritten. Anfangs war im Gespräch, die drei Länder zu je einem Drittel an dem Projekt zu beteiligen. Russland bestand jedoch auf der Kontrolle über die Pipeline. Auch an dem Verladeterminal in Burgas fordern die russischen Partner einen Anteil von 51 Prozent. Darüber sei bisher aber noch nicht entschieden, sagte ein bulgarischer Regierungssprecher. Das russische Ansinnen sorgt in Bulgarien für innenpolitische Kontroversen. Oppositionsführer Iwan Kostow warnte die Regierung davor, Russland die Kontrolle über das Terminal abzutreten und damit „Souveränitätsrechte an ein Land abzugeben, das weder zur Nato noch zur EU gehört“.

Das jetzt beschlossene Pipeline-Projekt konkurriert mit einem anderen Vorhaben: Vergangene Woche beschlossen Bulgarien, Mazedonien und Albanien den Bau einer 895 Kilometer langen Rohölpipeline von Burgas nach Vlore an der albanischen Adriaküste. Durch diese Leitung, deren Kapazität bei 35 Mill. Tonnen pro Jahr liegen wird, soll Rohöl aus den Fördergebieten am Kaspischen Meer nach Westen gepumpt werden. Die Pipeline soll ebenfalls 2010 in Betrieb gehen. Die Kosten des Projekts werden auf knapp eine Mrd. Euro veranschlagt.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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