Entmachtung des Geberkartells
IWF droht die Bedeutungslosigkeit

Der Westen verliert zunehmend seinen Einfluss auf Entwicklungsländer – und auf deren Kurs in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft. Der Grund ist die schwindende Bedeutung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Venezuela, China & Co laufen den westlich dominierten Finanzorganisationen in den Schwellenländern den Rang ab.

BERLIN. Venezuela, China und Russland betreiben mit ihren Milliardenüberschüssen Entwicklungspolitik und laufen den klassischen Finanzorganisationen so den Rang ab. Alles deute auf eine „Entmachtung des bisherigen Geberkartells“ hin, sagt Helmut Reisen vom OECD-Entwicklungszentrum in Paris.

Großer Verlierer dieser Entwicklung könnten die USA sein, da viele Schwellenländer ihre Exporterlöse nicht mehr in US-Staatsanleihen stecken und damit zur Deckung des gewaltigen US-Haushaltsdefizits beitragen, sondern sie vielmehr bei neuen regionalen Förderbanken anlegen oder in Entwicklungsländern investieren. Während China seine gewaltigen Handelsüberschüsse vor allem in rohstoffreichen Ländern Afrikas einsetzt, unterstützt Venezuela mit seinen Petrodollars in erster Linie lateinamerikanische Staaten.

„Entwicklungspolitik wird fast wieder zu einem Ost-West-Konflikt wie zu Zeiten des Kalten Krieges – im Kampf um die Vorherrschaft in vielen Ländern des Südens und Asiens“, sagt ein ranghoher amerikanischer Banker, der nicht namentlich genannt werden möchte. So wie Kuba einst qualifizierte Fachkräfte in alle Welt geschickt habe, verteile Venezuela heute Milliarden an befreundete Staaten. „Und dem IWF laufen derweil die Kunden weg“, sagt der Banker.

Venezuelas Präsident Hugo Chavez fordert dabei die USA als Vormacht auf dem Kontinent und größter Anteilseigner an den internationalen Finanzorganisationen offen heraus: „Wir akzeptieren den Entwicklungsweg nicht, den uns IWF und Weltbank vorschreiben wollen“, sagte Chavez auf dem Gipfel der Blockfreien-Bewegung in Havanna. Argentinien hat den Geldsegen aus Caracas bereits genutzt, um seine Kredite bei Währungsfonds und Weltbank vorzeitig zu tilgen (siehe „Wer den Westen verdrängt“). Auf diese Weise entgehen sie Reformforderungen, die westliche Geber mit ihren Krediten verknüpfen. „Chavez’ Unterminierung des IWF verfolgt auch das Ziel, Washingtons Politik der Privatisierung und Liberalisierung zu vereiteln“, glaubt Francisco Rodriguez, Lateinamerika-Experte an der US-Universität Middletown.

Weil Venezuelas Präsident dem Westen Konkurrenz macht, hat der IWF Lateinamerika im vergangenen Jahr nur noch 50 Mill. Dollar geliehen. Insgesamt ist das Portfolio des Fonds 2006 auf 11,8 Mrd. Dollar geschrumpft – nach dem Rekord von 81 Mrd. Dollar in 2004. Weil dem IWF Zinseinnahmen entgehen und immer weniger Gläubiger seine Dienste in Anspruch nehmen, klafft in diesem Jahr ein Loch von über 100 Mill. Dollar in seinem Budget.

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