Entrepreneurship im Sozialismus
„Die Kubaner sind begeisterte Gründer“

Immer mehr Kubaner wagen sich trotz der Hürden des Sozialismus ans Gründen. Dietmar Fischer berät angehende Unternehmer. Der Volkswirt glaubt, dass die Öffnung des Landes gegenüber den USA für sie vorerst wenig ändert.
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DortmundHerr Fischer, seit vier Jahren bieten sie auf Kuba Entrepreneurship-Seminare an. Wie blickt die kubanische Gründerszene auf die Annäherung an die USA? 

Bei den meisten Kubanern schlagen wohl zwei Herzen in ihrer Brust, was das Thema USA angeht. Sie sind nicht vollkommen pro USA oder vollkommen gegen die Öffnung. Die meisten spüren schon Vorfreude, sie wollen den Wandel in ihrer Wirtschaft, weil sie die Alltagsprobleme im bestehenden System erleben. Aber die meisten sind nicht gegen das System selbst, viele Gründer finden den Sozialismus gut und ertragen die Nachteile mit ein wenig Fatalismus. Man müsste die Kubaner vermutlich in der Mitte durchschneiden, um ihre zwiespältige Einstellung zu den USA abzubilden. Für viele Unternehmer stehen aber eher politische Symbole als Veränderungen für ihr eigenes Geschäft im Fokus: Nach meiner Wahrnehmung war seit Dezember tatsächlich die Freilassung der Kubanischen Fünf, also der in Miami aus politischen Gründen inhaftierten Kubaner, das größte Thema.

Was bedeutet der diplomatische Schritt aus Ihrer Sicht für die Unternehmer in Kuba?

Das Hauptpotenzial für Kleinunternehmer liegt sicher in einem Anstieg des Tourismus, das ist ein Bereich, in dem viele Gründer aktiv sind. Restaurants, Bars, Taxifahrer, Pensionen, sie hoffen jetzt natürlich auf die Gäste aus den USA. Ich glaube aber, dass die Annäherung für die meisten Unternehmer strukturell erst einmal keine großen Veränderungen bringt. Denn der Großteil der Selbstständigen in Kuba arbeitet auch jetzt schon mit Geld aus den USA. Für sie wird sich nur etwas verändern, wenn der kubanische Staat selbst tiefgreifende Reformen macht, oder wenn alle Handelsbeschränkungen fallen. Der US-Kongress wird wohl verhindern, dass das Embargo bald endet. Aber vielleicht ist es auch besser, wenn die Öffnung langsam passiert, so kann sich die Gründerszene Schritt für Schritt daran anpassen.

Auch ohne die USA hat sich seit den Reformen Raúl Castros ab 2010 einiges getan. Wie hat sich die kubanische Entrepreneurszene entwickelt?

Die Kubaner sind begeisterte Gründer und sehr offen für Neues. Ich habe durch meine Kurse viel mit Studenten zu tun und die sehen die Lücken in allen Wirtschaftsbereichen. Sie sind sehr innovativ, ein Student hat etwa begonnen, T-Shirts zu bedrucken, weil viele Restaurants und Geschäfte solche Shirts brauchen. Mittlerweile hat er einen gut laufenden Copyshop. Seit es mehr Möglichkeiten gibt, versuchen immer mehr Kubaner ihr Glück in der Selbstständigkeit, mittlerweile sind es mehr als 500.000. Viele sehen ihre Zukunft nicht beim Staat, sie wollen nicht ein kleines Zahnrad im System sein, sondern autonom handeln. Dieser Freiheitsgedanke steht wie auch bei Selbstständigen in Deutschland im Vordergrund. Doch natürlich sind die finanziellen Anreize in Kuba auch ein schlagendes Argument. Es ist ohne Probleme möglich, mit einem kleinen Restaurant umgerechnet 2000 bis 3000 Euro Gewinn pro Monat zu machen, während der Durchschnittsverdienst im Staatsdienst bei 20 Euro pro Monat liegt.

Woran hapert es in der Gründerszene?

Finanzielle Ressourcen sind das größte Problem. Die Gründungsfreude geht eigentlich durch alle Schichten, aber die nötigen Mittel sind nur in der Oberschicht da. Wenn ich ein Restaurant starten will, muss ich es irgendwie einrichten. Das kann schon einmal bis zu 50.000 Euro kosten. Und dieses Geld kommt nicht aus Kuba selbst, sondern meist von weißen Exilkubanern aus den USA, die ihre Familien und Bekannten in der Heimat unterstützen. Das heißt, die alten, weißen Eliten dominieren die Unternehmerszene, es herrscht eine große Ungleichheit. Andere Leute können höchstens Blumen oder ein bisschen Obst auf der Straße verkaufen. Denn selbst wenn er es wollte, könnte der kubanische Staat ihnen keine Starthilfe geben. Dafür fehlt schlicht das Geld. Die Universidad de la Habana hat zuletzt versucht, junge Unternehmungen im Technologiebereich zu unterstützen, um diese hellen Köpfe nicht zu verlieren. Doch selbst das stockt und geht nicht so recht voran.

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