Entschädigungsforderungen an Polen abgelehnt
Schröder erkennt deutsche Schuld an

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat bei seinem Besuch der Gedenkfeiern zum Warschauer Aufstand vor 60 Jahren Entschädigungsforderungen von Vertriebenen an Polen strikt abgelehnt. „Wir Deutschen wissen sehr wohl, wer den Krieg angefangen hat und wer seine ersten Opfer waren“, sagte er am Sonntagabend in Warschau.

HB WARSCHAU. „Deshalb darf es keinen Raum mehr geben für Restitutionsansprüche aus Deutschland, die die Geschichte auf den Kopf stellen“, betonte Schröder auf der zentralen Gedenkfeier für die Opfer des Aufstands gegen die deutsche Besatzung, der am 1. August 1944 begann. Diese Position werde die Bundesregierung auch vor internationalen Gerichten vertreten.

Schröder war als erster deutscher Regierungschef zu den Gedenkfeiern für den Warschauer Aufstand eingeladen worden. Der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski bezeichnete das gemeinsame Gedenken an die 200 000 Opfer des Aufstands als „weiteres wichtiges Zeichen der Aussöhnung“ und nannte Schröder einen „großen Verbündeten im Kampf um die historische Wahrheit“. In seiner Rede am Abend bot Schröder Polen einen „Zukunftspakt“ an. „Wir können miteinander Anstöße für eine gemeinsame Politik in der erweiterten Union entwickeln - auch und gerade gegenüber unseren Nachbarn.“

„Warschau fiel, aber es wurde nicht besiegt“, sagte Kwasniewski in seiner Ansprache. Schröder bekannte sich unter starkem Beifall ehemaliger Widerstandskämpfer zur deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg und bei der blutigen Niederschlagung des Aufstands. „Wir beugen uns heute in Scham angesichts der Verbrechen der Nazi- Truppen“, sagte er. „An diesem Ort des polnischen Stolzes und der deutschen Schande hoffen wir auf Aussöhnung und Frieden.“ Der polnische Ministerpräsident Marek Belka erinnerte nach einem Treffen mit Schröder an die große symbolische Bedeutung des Aufstands in Polen. Dem Besuch Schröders komme damit eine besondere Bedeutung zu. Zugleich betonte Belka: „Wir erinnern an die Vergangenheit, aber wir blicken in die Zukunft. Das ist unsere wichtigste Ausrichtung.“

Um 17 Uhr schrillten in ganz Warschau die Sirenen, um an die Stunde des Beginns der Erhebung zu erinnern. Unmittelbar danach legte Schröder vor dem zentralen Denkmal einen Kranz nieder und verharrte minutenlang schweigend mit gebeugtem Kopf. Anschließend traf er beim Denkmal für die jüngsten Aufständischen mit Kwasniewski zusammen. Deutsche und polnische Kinder reichten Schröder und Kwasniewski Blumen, die sie vor dem Denkmal niederlegten. Beim Gang durch die Altstadt wurde Schröder von der Bevölkerung sehr freundlich und mit Applaus aufgenommen.

US-Außenminister Colin Powell, der wie Schröder und der stellvertretende britische Premierminister John Prescott zu den ausländischen Ehrengästen gehörte, wies nach einem Treffen mit seinem polnischen Amtskollegen Wlodzimierz Cimoszewicz darauf hin, dass die Aufständischen in Warschau ohne Unterstützung der Alliierten 63 Tage lang durchhielten. „Polen wird nie wieder im Stich gelassen werden“, versicherte er. Auf der zentralen Gedenkfeier erinnerte Powell daran, dass er eigentlich Soldat, nicht Diplomat sei. „Ich war im Kampfeinsatz, ich habe Freunde im Kampf verloren, deshalb verwende ich das Wort Held nicht leichtfertig. Aber jeder, der in den 63 Tagen (der Aufstands) kämpfte, war ein Freiheitsheld.“

Auch Prescott würdigte Kampfgeist und Mut der Polen, denen Großbritannien Dank schulde. Er erinnerte an die polnischen Wissenschaftler, die den Code der Nationalsozialisten knackten, an die polnischen Piloten in der Luftschlacht um England, die polnischen Soldaten in der britischen Armee. „Die Menschen in Großbritannien konnten ihre Namen nicht aussprechen, aber jeder kannte ihre Tapferkeit“, sagte er.

Der britische Europaminister Denis MacShane begrüßte „herzlich Schröders Akt der Versöhnung in Warschau“. MacShane sagte in London, zusammen mit Polen und Deutschland müsse Großbritannien „dabei helfen, ein Europa des 21. Jahrhunderts zu schaffen, in dem mit populistischer Politik und einer Rhetorik des Hasses und der nationalen Vorherrschaft niemals wieder die Unterstützung breiter Massen gewonnen werden kann.“

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