Entwicklungspolitik
G8 geben 20 Milliarden Dollar für arme Bauern

Zum Abschluss ihres Gipfels im italienischen L'Aquila haben die führenden Industriestaaten und Russland die Weichen der Entwicklungspolitik neu gestellt: Sie haben sich darauf verständigt, den ärmsten Bauern der Welt 15 Milliarden Dollar zu geben.

L'AQUILA. Auch im Erdbebengebiet der Abruzzen ist die Not groß. Die vielen zerstörten Häuser und die Notunterkünfte im G-8-Konferenzort L'Aquila zeigen das in diesen Tagen den Besuchern aus aller Welt überdeutlich. Doch am letzten Tag ihrers Gipfeltreffens haben die Staats- und Regierungschefs der sieben größten Industrieländer und Russlands die Not der Hungernden in den Mittelpunkt gestellt. Mehr als eine Milliarde Menschen haben nicht genug zu essen. Eine noch größere Zahl hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser - mit verheerenden Folgen für die Gesundheit.

Die Uno warnt deshalb vor einer wachsenden Gefahr für die Weltsicherheit. Vor allem die Armen leiden unter den Folgen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Preise für Lebensmittel und Saatgut steigen. Auch die Hilfe aus den reichen Ländern fließt spärlicher, wie viele Nichtregierungsorganisationen auf dem G-8-Gipfel in L'Aquila kritisieren – zu Recht übrigens, wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel einräumte. Deutschland ist zwar mit 0,38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinter den USA der zweitgrößte Zahler von Entwicklungshilfe weltweit, doch in den anderen Industriestaaten zeigt man sich weniger freigiebig.

Von dem 2005 beim G-8-Gipfel im schottischen Gleneagles vereinbarten Ziel, den Anteil der Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des BIP zu erhöhen, sind die reichen Industriestaaten alle noch weit entfernt. Allerdings haben die großen Schwellenländer auf dem G-8-Gipfel auch ihre Verantwortung für die armen Staaten eingeräumt. China etwa, selbst immer noch Empfänger von Entwicklungshilfe, soll analog steigender globaler Mitsprache und Bedeutung auch in die Rolle des Gebers hineinwachsen.

Da sich das Problem der Unterernährung vor allem auf Afrika konzentriert, haben die Staats- und Regierungschefs der G-8 zum Ende ihres Gipfels die wichtigsten Amtskollegen aus den afrikanischen Staaten eingeladen. Nach vielen Anläufen ist es vor allem der amerikanische Präsident, der durch einen Kurswechsel beim Thema globaler Nahrungsmittelversorgung zum Ziel kommen will.

Anstelle der bloßen Lieferung von Nahrungsmitteln an bedürftige Regionen sollen die internationalen Organisationen nach Aussage von Barack Obama künftig dazu gebracht werden, mehr Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, also die Produktion und den Anbau eigener Lebensmittel vor Ort zu fördern. Für die deutsche Entwicklungshilfe ist das zwar seit langem gelebte Praxis. Die großen UN-Organisationen aber beschränken sich noch viel zu sehr auf bloße Lieferung von Mais, Soja und Weizen. Über 13 Mrd Euro wurden seit 2008 dafür ausgegeben - ein erheblicher Teil ging an die US-Farmer als Lieferanten.

"Wir müssen leider feststellen, dass in Afrika viele Länder, die früher einmal Selbstversorger oder sogar Exporteure von Lebensmitteln waren, inzwischen Importe brauchen", sagte Bundeskanzlerin Merkel. Man müsse "darauf achten, dass Afrika eine eigene, nachhaltige Landwirtschaft bekommt und wir aus den reichen Ländern nicht einfach nur Lebensmittel liefern."

Mit diesem beim G-8-Gipfel eingeleiteten Schwenk will Obama aber auch mehr Effizienz bei den Organisationen durchsetzen. Dass es dort noch viel Nebeneinander gebe, ist eine Kritik, die sich die Chefs diverser UN-Gliederungen in L'Aquila öfter anhören mussten. Präsident Obama stellte zum Abschluss des Gipfels eine zusätzliche Hilfe von 20 Mrd. Dollar (etwa 15 Mrd. Euro) für die armen Länder in Aussicht. Dass er zum Abschluss dieses Signal setzte, hat auch mit seinen aktuellen Reiseplänen zu tun: Nach dem G-8-Gipfel bricht Obama nach Ghana zu seiner ersten Afrikareise als US-Präsident auf.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%