Erdbebengebiet
Deutschlands stille Helfer in Italien

Ein Vierteljahr nach dem Erdbeben in den Abruzzen nutzt Italien den G-8-Gipfel, um für Unterstützung bei der Rettung schwer beschädigter Kulturgüter zu werben. Bundeskanzlerin Merkel will am Rande des Gipfels das zerstörte Dorf Onna besuchen. Dort leisten Deutsche Wiederaufbauhilfe der besonderen Art.

ONNA. "Alles zerstört", sagt Bernd Urban und betrachtet das steinerne Straßenschild, das aus den Trümmern ragt. "Via della Ruetta", steht dort in Großbuchstaben. Doch die Straße ist kaum mehr zu erkennen: Wo einst Häuser den Weg säumten, reihen sich nun Schutthaufen aneinander. Nach der regnerischen Nacht steigt ein modriger Geruch aus dem Berg aus Steinen, Matratzen und Koch-geschirr.

Der große Bajuware Urban mit den praktisch kurz geschorenen Haaren ist den Anblick bereits gewöhnt. Er ist vor drei Wochen nach Onna gekommen. Als Chef des Teams des Technischen Hilfswerk (THW) begleitet er hier die deutsche Hilfe nach dem Erdbeben, das am 6. April die Gegend um die Hauptstadt der Abruzzen L?Aquila heimgesucht hat. Er versucht zu retten, was zu retten ist. Und das ist nicht viel.

Das kleine Dorf Onna in den Bergen des Gran Sasso steht wie kein ande-rer Ort für die Verwüstung des Bebens. 41 von 350 Einwohnern starben. Aber Onna steht auch für ein schreckliches Massaker, das die deutschen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs an der italieni-schen Zivilbevölkerung verübt haben und für das bis heute unbestraft blieb. Am 11. Juni 1944, zwei Tage vor der Befreiung, haben die Deutschen hier 17 Bewohner zusammengetrieben und erschossen. Ein Dutzend Häuser sprengten sie in die Luft. Anlass war ein Streit um ein Pferd, das die Deutschen für ihre Flucht gen Norden beschlagnahmt hatten.

65 Jahre später sind die Deutschen nun zurückgekommen nach Onna. Diesmal als Helfer. Deutschland hat versprochen, beim Wiederaufbau des Dorfes in den Abruzzen zu helfen. Bis zu drei Millionen Euro will die Bundesrepublik für den Wiederaufbau der Dorfkirche, des Gemeindezentrums und des Kindergartens ausgeben. Außerdem sind Einzel-Spenden in fünfstelliger Höhe eingegangen und Volkswagen spendet eine Million Euro für das Dorf.

Noch gibt das Innere der Kirche den Blick auf den wolkigen Himmel frei. Ein Beichtstuhl steht verloren in der Mitte von Trümmern. Die noch stehenden Außenmauern hat die italienische Feuerwehr mit Holzbalken und Drahtseilen gesichert. "Das ist perfekte Arbeit", sagt Urban und klopft anerkennend auf das Holz.

Die THW ist gekommen, um Soforthilfe zu leisten: Zelte aufbauen, Strom- und Abwasserleitungen legen. Auch beim Kindergarten am Eingang des Dorfes, ein modernes Gebäude mit bunten Vögeln an den Scheiben, des-sen Grundfesten dem Beben standhielten, packten Urban und seine Mitstreiter an. "Im September soll er wieder öffnen", sagt der THW-Chef - auch wenn nicht alle Kinder kommen werden. Einige haben nicht überlebt.

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