Erdogan-Flüchtlinge
Türkische Elite bittet um Asyl in Deutschland

Es sind Beamte, Richter, Ärzte oder Diplomaten, die vor Erdogan nach Deutschland flüchten. Nach dem Putschversuch wurden sie entlassen. Nun suchen sie Schutz vor Inhaftierung und wollen kein Risiko eingehen.
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KölnCem war in der Türkei Beamter, hatte eine Elite-Hochschule absolviert, lebte gut situiert und sorglos mit seiner ebenfalls studierten Ehefrau bei Istanbul. Jetzt fängt er bei null an in Deutschland, ist geflüchtet, hat Asyl erhalten und baut sich im Rheinland eine neue Existenz auf. „Es ist kein leichter Wechsel – vom angesehenen Staatsdiener zum Flüchtling. Aber ich war zur Zielscheibe Erdogans geworden. Ich wäre inhaftiert worden und musste das Land, das ich liebe, verlassen“, erzählt der 40-Jährige.

Mehr als 600 ranghohe Staatsbeamte aus der Türkei haben nach dem Putschversuch im Juli 2016 und den von Präsident Recep Tayyip Erdogan danach eingeleiteten Maßnahmen Asyl in Deutschland beantragt. Das berichtete das Bundesinnenministerium vor einer Woche. Insgesamt sei die Zahl der Asylsuchenden aus der Türkei merklich gestiegen. Das Thema sorgt für heftigen Ärger zwischen Deutschland und der Türkei.

„Seit dieser Nacht im Juli hat sich alles verändert. Ich wurde entlassen, wie viele Tausend andere auch. Wer im Verdacht steht, Erdogan und seine Linie nicht zu unterstützen, wird wie ein Terrorist behandelt, diffamiert, gejagt“, schildert Cem im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Ein befreundeter Beamter ist Ende 2016 inhaftiert worden - und ich wusste, ich wäre einer der nächsten gewesen.“ Vor knapp einem Jahr flüchtete er mit Frau und Kind. „In der Türkei gibt es kein Recht mehr, keine Sicherheit, keine Verlässlichkeit, keine freie Lehre, keine Demokratie, weder Meinungs- noch Pressefreiheit“, sagt er.

Auch in Deutschland lebt er zurückgezogen. Cem weiß von der Affäre um spitzelnde Imame der türkisch-islamischen Organisation Ditib und um Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes hierzulande. Viele der hier lebenden Türken unterstützen Erdogans Kurs. Der 40-Jährige will deshalb kein Risiko eingehen. „Ich meide aus Vorsichtsgründen jeden Kontakt zu Türken.“

Seit Juli 2016 sind mehr als 150.000 Staatsbedienstete per Dekret suspendiert oder entlassen worden. Mehr als 50 000 Menschen sitzen wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung in U-Haft. Erdogan macht den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich, was dieser zurückweist.

Auch die beiden Professoren Mehmet (46) und Merve (44) verloren im Sommer 2016 ihre Stellen an der Hochschule. „Kurz nach dem Putschversuch wurden wir entlassen. In wenigen Sätzen wurde behauptet, wir seien Teil der Gülen-Bewegung“, schildert Mehmet.

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