Erdogan in der Kritik
Türken wollen weniger Syrer

Die Türkei will künftig syrische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa abfangen und aufnehmen. Doch das ist nicht der Wille der Bürger, wie eine Meinungsumfrage zeigt. Der Druck auf Staatspräsident Erdogan wächst.

IstanbulFür Recep Tayyip Erdogan zählen die Erfolge, und die können sich seit Sonntag sehen lassen. Beim Gipfeltreffen am Sonntag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Istanbul konnte der türkische Staatspräsident der deutschen Regierungschefin einiges abringen. Im Zuge des nun ausgehandelten Aktionsplans sollen türkische Staatsbürger einen einfacheren Zugang zu EU-Visa bekommen, die Reisehürde künftig eventuell sogar völlig wegfallen. Darüber hinaus hat er es geschafft, die Beitrittsverhandlungen zur Union auf eine völlig neue Ebene zu stellen.

Am wichtigsten war die Frage, wie künftig mit syrischen Flüchtlingen umgegangen werden soll. Sie sollen laut Aktionsplan in Zukunft nicht mehr bis Europa kommen, sondern schon in der Türkei abgefangen und aufgenommen werden. Dafür wird Erdogan wohl insgesamt rund drei Milliarden Euro an Hilfen von EU-Mitgliedsstaaten erhalten. Die Anzahl Syrer in dem Land – bislang sind es je nach Schätzung bis zu 2,2 Millionen – wird damit weiter zunehmen. Dabei spricht sich einer Umfrage zufolge eine Vielzahl Türken gegen einen steigenden Zustrom von Syrern in das eigene Land aus.

Das US-amerikanische Pew Research Center hat mehrere Monate lang insgesamt 947 Türkinnen und Türken danach gefragt, wie sie die derzeitige Situation in ihrem Land sehen, was sie von ihrem Staatspräsidenten Erdogan und nationalen Instituten wie dem Militär halten. Die Umfrage fand vor allem im April und Mai dieses Jahres statt, also noch vor der ersten Parlamentswahl und weit vor dem nun beschlossenen Aktionsplan.

Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. Zwei Drittel der Befragten sprachen sich dafür, weniger Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien in das eigene Land zu lassen. 13 Prozent fanden, der derzeitige Zustrom sei akzeptabel, acht Prozent könnten auch mit einem Anstieg der Ankommenden leben. Unter den eher säkularen Türken sind es sogar 82 Prozent, denen schon jetzt zu viele Menschen ins Land strömen; unter den frommen Muslimen, die eher zur Stammklientel von Erdogan und der Regierungspartei AKP zählen, sind es 59 Prozent.

Das nun geschlossene Abkommen dürfte damit auch einem parteipolitischen Kalkül folgen. Nicht nur, dass die Türkei derzeit gleich mehrere innen- und außenpolitische Krisen zu bewältigen hat. Der Umfrage zufolge haben die Türken in den vergangenen Jahren auch an Selbstbewusstsein eingebüßt. Mehr als die Hälfte der Befragten äußerte die Ansicht, die Türkei solle in der Welt stärker respektiert werden. Diesem Empfinden dürfte Erdogan am Sonntag deutlich entgegengekommen sein: Mit dem ausgehandelten Paket hat er die Türkei auf die Weltbühne gehievt, seinen Landsleuten zudem mit der Aussicht auf leichtere EU-Visa einen spürbaren Vorteil verschafft.

In Bezug auf Staatspräsident Erdogan herrscht hingegen nach wie vor ein gespaltenes Bild. Zum ersten Mal seit mehr als drei Jahren unterstützte weniger als die Hälfte der Befragten Erdogan als politischen Anführer des Landes. Waren es zu Hochzeiten wie 2013 noch 62 Prozent, die ihn gut fanden, ist der Wert inzwischen auf 39 Prozent gefallen. Im Gegenzug sind inzwischen 51 Prozent gegen ihn, der Rest unentschlossen.

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